Politikpapier: Ausbau von Biogasspeicherkraftwerken ist unverzichtbar für 100% EE

Liebe Leserinnen und Leser,

Gemeinsam mit dem Netzwerk Flexperten hat die Energy Watch Group heute das Politikpapier „Energiewende sichern: Mit lokalen Speicherkraftwerken und nachhaltiger Biomasse für Strukturwandel und Klimaschutz in der Landwirtschaft“ veröffentlicht.

Häufig wird behauptet: da Sonne, Wind und Speicher den Löwenanteil einer künftigen Stromversorgung mit 100% Erneuerbare Energien bereitstellen werden, müsse man sich kaum um die „Nischen“ wie Bioenergie, Wasserkraft oder Geothermie kümmern.

Dieser Standpunkt ist komplett falsch und gefährdet das Ziel, 100% Erneuerbare Energien in allen Sektoren bis 2030 zu erreichen. Alle drei sind keine Nischen, sondern tragen substanziell zu einer funktionierenden 100% EE Energieversorgung bei. Ihre Stärken liegen vor allem in der Speicherfähigkeit und Flexibilität und damit der ganzjährigen Verfügbarkeit. Intelligent zu Solar- und Windkraft integriert, können sie als Speicherkraftwerke eingesetzt werden und reduzieren so erheblich die Kosten für die Systemstabilität. Zudem liefern sie erhebliche Zusatznutzen, die von Solar- und Windenergie nicht geliefert werden können.

Geothermiekraftwerke beispielsweise können neben heißem Wasser an geeigneten Standorten auch Lithium fördern, welches für Batterien benötigt wird. Wasserkraft liefert mit den Querverbauungen einen erheblichen Beitrag zum Hochwasserschutz und zur Linderung von Schäden in Trockenzeiten. Bioenergie, mit nachhaltigen Anbaumethoden, wie Biolandwirtschaft, verknüpft kann sogar Kohlenstoffsenken schaffen. Alle solche Effekte sind mit Solar und Windkraft nicht möglich.

Am Beispiel Biogas sei dies im Folgenden näher ausgeführt:

Sofern die entsprechenden Umrüstungen vorgenommen werden, können Biogasanlagen als Speicherkraftwerke funktionieren. Über 100 Biogasanlagen laufen in Deutschland nach Angaben der Flexperten bereits als Speicherkraftwerke. In einer verständlichen Animation wird das Biogasspeicherkraftwerk erklärt.

Die anstehende EEG-Novelle sollte sich daher an folgenden Zielen für die Biogasbranche orientieren:

  • Die bisherigen Biogasanlagen mit BHKW werden zu Speicherkraftwerken weiterentwickelt und bei gleichbleibender Strom- und Wärmemenge statt 5 GW überwiegender Dauereinspeisung, etwa 15 GW Spitzenlast liefern.
  • Die Biogasgewinnung wird von Anbaubiomasse auf überwiegend Reststoffverwertung und nachhaltige Naturschutzkulturen umgestellt. Gärfähige Abfallströme kommen hinzu. Das gleicht die für bäuerliche Betriebe entstehenden Verluste aus, die bei zurückgehender Tierzucht und verringerter Nachfrage nach Futterpflanzen absehbar sind.
  • Dieses nachhaltige Biogas-Potenzial reicht sogar für etwa eine Verdoppelung der Biogaserzeugung auf 180 TWh/Jahr. Genug für mehr als 60 TWh/a Strom aus BHKW, die in den Lücken der wetterabhängigen Erzeuger geliefert werden kann, und ebenso viel Wärme für lokale Wärmenetze.
  • Die flexiblen BHKW mit ihren großen Wärmepufferspeichern integrieren Umweltwärme (Wärmepumpen, industrielle Abwärme), liefern günstig in lokale Wärmenetze und unterstützen damit die Wärmewende. Diese dezentralen lokalen Speicherkraftwerke sparen Netzausbaukosten ein, weil bisherige Grundlast liefernde Biogasanlagen ruhen, wenn Wind und PV das Netz benötigen.
  • Mit diesen Biogas-Speicherkraftwerken mit z. B. 2.000 Betriebsstunden/Jahr können 30 GW gesicherte Leistung installiert werden; schnell und kostengünstig. Diese „modernen Gaskraft­werke“ sind schon klimafreundlich. Sie müssen nicht wie bei einer Erdgasbrückenpolitik auf CO2-neutrales Gas umgestellt werden.
  • Bei voller Flexibilisierung könnten die Speicher diese Biogasanlagen binnen Stunden etwa 400 GWh Strom liefern. Das ist das 10-fache aller deutschen Pumpspeicherwerke. Die Substratvorräte an deutschen Biogasanlagen enthalten dann im Herbst über 120 TWh potenzielle Energie, die im Laufe des Winters durch variable Fütterung mobilisiert werden können. Das sind vergleichbare Dimensionen wie die Erdgaskavernen (237 TWh Speicherkapazität – wenn sie gefüllt sind).
  • Die Biomasse in Kraft-Wärme-Kopplungsanlagen spart fossile Treibstoffe in Gaskraftwerken und Heizanlagen ein. Inländische Vorräte und Erzeugung mildern die Abhängigkeit von importierten Energieträgern. Im 4. Quartal 2021 war Biogas deutlich günstiger als importiertes Erdgas.
  • In modernen Biogasanlagen ist der Methanschlupf deutlich kleiner als bei Gewinnung und Transport von fossilem Erdgas.
  • Teile der Biogasanbaupflanzen sollten dem Naturschutz dienen, wie Bienenweiden, Blühflächen, Wildpflanzenkulturen, Dauergrünland und Landschaftspflege. Bei Moorvernässung können Paludikulturen energetisch genutzt werden. Wird deren Aufwuchs von Naturmaßnahmen in Biogasanlagen verwertet, finanziert dies den ökologischen Nutzen mit.

Damit die bestehenden wie neugebaute Biogasanlagen ihre möglichen Vorteile für Klimaschutz, sichere Energieversorgung und Artenschutz auch ausspielen können, muss in der anstehenden EEG Novelle folgendes verwirklicht werden:

  • Der Flexdeckel muss auch für Nach-Flexibilisierungen (EEG 2014 und 2017) beseitigt werden.
  • Bestandsanlagen sollen vorzeitig an der Ausschreibung für die 2. Förderperiode teilnehmen können, um Kalkulationssicherheit für die Entwicklung von Wärmenetzen zu bieten.
  • Ein Stauchungsmodell für die Flexibilitätsprämie für die Absicherung von Flex-Investitionen bei Spät- und Nach-Flexibilisierungen ist einzuführen.
  • Tariferhöhung für Gülle-Anlagen
  • Ausschreibungssystem im EEG ist auf Bemessungsleistung oder eine Kontingentförderung umstellen
  • Regionalquote abschaffen
  • Pflegeschnitte aus Naturschutz und Stilllegung für die energetische Nutzung freigeben
  • Vergütung für Reststoffnutzung aus Blühpflanzen, Artenvielfalt und für Humusaufbau schaffen
  • Auf EU-Ebene: Im Umweltbeihilferahmen soll eine angemessene de minimis-Größe für lokale oder bürgerschaftliche Investitionen zum Aufbau von Wärmenetzen und biogenen Speicherkraftwerken ausschreibungsfrei sein.  Biogas-BHKW bis 6 MW, ähnlich wie bei Wasserkraft oder Freiflächen-PV.
  • Solange auf EU Ebene dies nicht gelungen ist, soll der Gesetzgeber eine neue EEG Umlage 2 schaffen, die nicht steuerfinanziert ist und alle neuen EEG Anlagen vergütet. So können dann sofort auch bürgerliche Biogasanlagen ohne Ausschreibungszwang unterstützt werden.

Sofern die Ampelkoalition diese Punkte nun in der anstehenden EEG Novelle umsetzt, wird Deutschland keine Übergangstechnologie mit klimaschädlichem Erdgas benötigen. Gleichzeitig werden Biogasanlagen nicht mehr ökologisch schädliche Maismonokulturen sondern die Artenvielfalt befördernde Blühwiesen nutzen.

 

Hammelburg, 02. Februar 2022,

Ihr Hans-Josef Fell