Unter dem Deckmantel „Friedliche Nutzung Atomkraft“ breitet sich die atomare Aufrüstung immer weiter aus Jüngste Beispiele: Saudi-Arabien und Lingen
Russlands Atomkonzern Rosatom ist der Atomgigant, der als russischer Staatskonzern Atomreaktoren weltweit baut und betreibt. Zudem ist er offiziell für die Entwicklung, Herstellung, Wartung und das Design des gesamten russischen Atomwaffenarsenals zuständig.
Rosatom gehört zu den zehn größten Steuerzahlern in Russland und trägt damit substanziell zur Finanzierung des russischen Angriffskrieges in der Ukraine bei.
Quelle: Rosatom – Rosatom hit Top 10 Russia’s largest taxpayers
Dennoch gibt es bisher keinerlei Sanktionen der EU gegen Rosatom. Rosatom liefert weiter kräftig Brennelemente an Atomreaktoren in Osteuropa, womit auch die EU den russischen Krieg in der Ukraine erheblich mitfinanziert.
Bundesregierung unter Kanzler Merz weist das Niedersächsische Umweltministerium an, die Genehmigung der Beteiligung Rosatoms an der Brennelementefabrik in Lingen zu erteilen
Der zuständige niedersächsische Umweltminister Christian Meyer (Grüne) wurde von der Bundesregierung rechtlich angewiesen, die Genehmigung für eine Beteiligung Rosatoms zu erteilen, obwohl er selbst persönlich klar gegen die Beteiligung Rosatoms in Lingen war und ist. Zudem gab es Warnungen der Sicherheitsbehörden vor einer Beteiligung Rosatoms.
Damit können nun der französische Atomkonzern Framatome mit Beteiligung von Rosatom auf deutschem Boden in Lingen Brennelemente für Atomreaktoren herstellen. Frankreich und Russland sind beide Atommächte, die ihre Atomwaffenarsenale derzeit kräftig ausbauen, wofür es auch Uran oder Plutonium aus Atomreaktoren braucht. Indirekt unterstützt so die Bundesregierung auch die atomare Aufrüstung in diesen Ländern.
Wladimir Sliwyak, Träger des Alternativen Nobelpreises 2021 und Ko-Vorsitzender der in Russland verbotenen Umweltorganisation Ecodefense, kritisiert diese Entscheidung scharf:
„Rosatom Zugang zu atomarer Infrastruktur in Deutschland und damit auch Europa zu gewähren, ist unverantwortlich. Mit dieser Entscheidung macht Deutschland den Weg frei für Putin. Dieser baut ungehindert weiter seine geopolitische Macht über kritische Energieinfrastruktur in Europa aus. Der Kreml hat weitreichende Ambitionen, die er auch mit Sabotage und Spionage durchsetzt. Den Ausbau von Framatome/ANF in Lingen zu genehmigen ist daher das völlig falsche Signal.“
Quelle: ausgestrahlt – Brennelementefabrik Lingen: Genehmigung unverantwortlich
Olena Pavlenko von der ukrainischen Energie-Denkfabrik DiXi Group sieht Deutschland in eine absurde Lage gebracht.
„Vieles von dem, was rund um das Gazprom-Projekt Nord Stream 2 passiert ist, könnte sich hier wiederholen. Sie könnten versuchen, Amtsträger und Politiker auf Russlands Seite zu ziehen. Sie könnten versuchen, die öffentliche Meinung in Deutschland zu beeinflussen …
Rosatom ist mehr als ein Energieunternehmen. Es ist Teil der russischen Strategie in Europa. Es steht nicht unter Sanktionen, und einige europäische Länder kaufen weiterhin russischen Kernbrennstoff. Gleichzeitig ist Rosatom unmittelbar an russischen Militäraktivitäten beteiligt. Wir haben einige dieser Aktivitäten dokumentiert. Der russische Staat nutzt Rosatom außerdem, um Sanktionen zu umgehen, ausländische Kunden mit Rüstungsgütern zu beliefern und Einnahmen zur Fortsetzung seines Krieges zu erzielen.“
Saudi-Arabien vereinbart mit den USA die Absicht zum Bau von Atomreaktoren
Saudi-Arabien betreibt bisher keine Atomreaktoren. US-Präsident Trump hat kürzlich mit Saudi-Arabien vereinbart, eine zivile Nutzung der Atomkraft, also eine atomare Stromerzeugung, aufzubauen. Hinter dieser Vereinbarung steckt nichts anderes als das Ziel der Saudis, eine militärische Atommacht zu werden.
Wofür braucht Saudi-Arabien eine Stromerzeugung aus Atomkraft?
Strom aus neuen Atomkraftwerken ist sehr teuer. So kostet beispielsweise die Stromerzeugung aus dem neuen französischen Atomkraftwerk Flamanville laut französischem Rechnungshof rund 20 Cent/kWh. Saudi-Arabien hat aber weltweit mit die besten Bedingungen für eine sehr kostengünstige Solarstromerzeugung: riesige Wüstenflächen mit sehr hoher Solarstrahlung. Dort kann man zusammen mit Batteriespeichern ganzjährig verlässlich Solarstrom für etwa 1 bis 3 Cent/kWh erzeugen. Eine zivile Nutzung der Atomkraft ist also in Saudi-Arabien, wie auch sonst im Rest der Welt, glatter ökonomischer Unsinn.
Warum also will Saudi-Arabien Atomkraft, wenn diese etwa zehnmal teurer ist als Solarstrom?
„Jedes militärische Atomprogramm beginnt mit einem zivilen Atomprogramm“, warnte der frühere israelische Verteidigungsminister Avigdor Lieberman.
Quelle: Deutsche Welle – USA und Saudi-Arabien: Kritiker warnen vor nuklearem Wettrüsten
US-Präsident Trump führt mit dem Iran Krieg, unter anderem weil der Iran keiner Vereinbarung zustimmen will, die militärische Nutzung seines zivilen Atomprogramms aufzugeben und auf eine Urananreicherung zu verzichten. Mit Saudi-Arabien hat Trump keine entsprechende Vereinbarung getroffen, wie er sie vom Iran verlangt und mit ihm deshalb sogar Krieg führt.
Atomare Aufrüstung nimmt weltweit rasant zu
Die 99 Mitgliedstaaten des Atomwaffenverbotsvertrags (AVV) fordern mit Nachdruck Fortschritte bei der nuklearen Abrüstung, da Atomwaffen eine dauerhafte Bedrohung für die globale Sicherheit darstellen. Aber das glatte Gegenteil einer atomaren Abrüstung geschieht aktuell.
Im Jahr 2025 gaben die neun Atommächte knapp 119 Milliarden US-Dollar oder 3.768 US-Dollar pro Sekunde für ihre Nukleararsenale aus – eine Steigerung um 19 % gegenüber dem Vorjahr.
Quelle: ICAN Deutschland – Globale Ausgaben für Atomwaffen stiegen 2025 um 19 %
Dabei ist das globale Atomwaffenarsenal schon jetzt furchterregend groß – groß genug, um die Menschheit und andere biologische Organismen auf der Erde 55-mal vernichten zu können.
Quelle: ThinkChina – Humanity could destroy itself with nuclear weapons
Sofort einsatzbereite atomare Sprengköpfe gibt es weltweit etwa 3.900. Davon sind in den USA 1.770, in Russland 1.718, in Frankreich 280, in Großbritannien 120 und in China 24 stationiert. In Reserve – das bedeutet nicht ständig einsatzbereit – gibt es weitere etwa 5.700 atomare Sprengköpfe. Neben den genannten fünf Nationen, die diese Waffen nach dem Atomwaffensperrvertrag besitzen dürfen, verfügen auch Indien, Pakistan, Israel und Nordkorea über Atomwaffen.
Quelle: ICAN Deutschland – Weltweite Atomwaffen
Atomreaktoren sind die Materiallieferanten für Atombomben
Das angereicherte Uran für die Atomwaffen liefern weltweit die sogenannten „friedlichen“ Atomkraftwerke, deren Uran und Plutonium aus abgebrannten Brennelementen noch aufbereitet werden müssen, um waffentauglich zu sein. Genau das ist der Konflikt mit dem Iran, wo verhindert werden soll, dass Uran aus dem einzigen Atomkraftwerk im Iran zur Atomwaffentauglichkeit aufbereitet wird. US-Präsident Trump hatte in seiner ersten Amtszeit das Atomabkommen mit dem Iran einseitig aufgekündigt. Heute führt er in seiner zweiten Amtszeit unter anderem auch deshalb mit dem Iran Krieg, weil er behauptet, nur so das Atomwaffenprogramm des Irans beenden zu können. Dabei drohen die Mullahs im Iran seit vielen Jahren, Israel auslöschen zu wollen, was tatsächlich nur mit Atomwaffen möglich ist.
Die „friedliche“ Atomenergienutzung ist in Wirklichkeit eine Grundlage für die atomare Aufrüstung
Insbesondere die sogenannte „friedliche Atomenergie“ ist ein Treiber der atomaren Bedrohung. Bereits 1953 führte US-Präsident Dwight D. Eisenhower das Programm „Atoms for Peace“ als Tarnkappe für die Entwicklung von Atomwaffen ein.
Quelle: Eisenhower Presidential Library – Atoms for Peace (8. Dezember 1953)
Staaten mit Atombombenbesitz konnten über Jahrzehnte ihren Atomwaffenstatus nur durch die energetische Nutzung der Atomkraft aufbauen: die USA, China, Indien, Russland, Frankreich, Großbritannien, Pakistan und Nordkorea.
Erneuerbare Energien sind auch Abrüstungs- und Friedenspolitik
Eine Umstellung der Weltenergieversorgung auf 100 % Erneuerbare Energien kann natürlich nicht das bestehende Atomwaffenarsenal abschaffen. Aber ohne „friedliche“ Atomkraftnutzung würde es keine neuen Atomwaffenstaaten mehr geben.
Die vielen neuen Atomkraftwerkspläne in Ländern, in denen es bisher keine gab, lassen klar die Vermutung zu, Atomwaffen entwickeln zu wollen. So war es schon in der Vergangenheit mit Pakistan, wo mit deutscher Hilfe Atomkraft aufgebaut wurde und am Ende entstand die Atomwaffenmacht Pakistan.
Es gibt heute keinen ökonomischen Grund mehr, neue sündteure Atomreaktoren zu bauen, da Erneuerbare Energien wesentlich billiger sind. Heute sind es Länder wie der Iran, die Türkei und eben auch Saudi-Arabien, die vorgeschoben Strom aus Atomkraft wollen und wohl insgeheim den Besitz von Atombomben anstreben.
Aber auch in den Atomwaffenstaaten ist die Triebfeder hinter dem Reaktorneubau der Bedarf an neuem atomwaffentauglichem Material. Warum sonst hält die französische Regierung an ihren Atomkraftausbauplänen fest und ignoriert die Warnungen des französischen Rechnungshofes, dass der Bau neuer Atomkraftwerke die Staatsverschuldung in nicht mehr beherrschbare Dimensionen aufblähen würde?
Quelle: Hans-Josef Fell – Wie die Atomwirtschaft mithilft, einen Staatsbankrott Frankreichs herbeizuführen
Auch die Reaktoren im britischen Hinkley Point werden auf Drängen des Militärs gebaut, um neues atomares Waffenmaterial für die Aufrüstung der britischen Atomwaffenarsenale zu erhalten.
Quelle: Hans-Josef Fell – Atomkraftwerke sind in finanzieller Schieflage
Eine komplette Umstellung auf 100 % Erneuerbare Energien ist daher auch eine klare Friedenspolitik, weil sie zum einen die Ursachen von Kriegen um Erdöl und Erdgas beendet und zum anderen dem Ausbau der Atomwaffenarsenale die Lieferung neuen Waffenmaterials aus Atomkraftwerken entzieht.
