Schubumkehr im großen Stil
Ein Interview von EnergieZukunft.eu mit Hans-Josef-Fell
Nachgefragt 31.08.2026
Der Photovoltaik hat man anfangs auch nichts zugetraut, sagt der Autor des Erneuerbare-Energien-Gesetzes aus dem Jahr 2000. Nun ist Hans-Josef Fell überzeugt: Mit schwimmenden Algenfarmen in den subtropischen Ozeanen lässt sich die CO2-Konzentration in der Erdatmosphäre auf das vorindustrielle Niveau absenken.
Herr Fell, letztes Jahr haben Sie ein Positionspapier veröffentlicht, wonach riesige Makroalgenfarmen in den Ozeanen der Erde eine Reduktion der hohen CO2-Konzentration in der Erdatmosphäre bewirken können. Welcher Mechanismus liegt dieser Annahme zugrunde?
Ich möchte eins voranstellen: Wir haben dieses Konzept aus der Notwendigkeit und Dringlichkeit heraus geschrieben, die Erde wieder abzukühlen. Diese Dringlichkeit habe ich schon 2012 in meinem Buch „Globale Abkühlung“ beschrieben und möchte das auch hier betonen. Der globale Temperaturanstieg liegt aktuell bei 1,5 Grad Celsius. Es verdichten sich die Anzeichen, dass wir diesen Wert schon überschritten haben. Mir war immer klar: Wenn die Emissionen weitergehen, wird die Konzentration von Klimagasen in der Atmosphäre weiter ansteigen. Mittlerweile liegt sie bei 430 ppm. Damit sind wir weit über dem, was für eine menschliche Zivilisation zuträglich ist. Die planetarische Grenze liegt bei 350 ppm. Wir sehen, welche Schäden der Temperaturanstieg heute schon verursacht. Es ist höchste Zeit, dass die Menschheit das Überleben ihrer Zivilisation organisiert. Wir sind aber weit weg davon. Die Temperaturkurve der letzten 30 Jahre fortzuführen, bedeutet 3 Grad Celsius für das Jahr 2050. Da kommen meine Enkel ins heiratsfähige Alter.
In der Tat, die Dringlichkeit ist offensichtlich.
Ja, und es gibt nur eine einzige Antwort auf die Frage, was zu tun ist: Die Konzentration der Klimagase muss wieder unter 330 ppm geführt werden, also auf das vorindustrielle Niveau. Ich sehe zwei Säulen, erstens: Die Nutzung fossiler Rohstoffe – Erdöl, Erdgas und Kohle – muss beendet werden. Zweitens: Wir müssen die Reinigung der Atmosphäre hinbekommen. Darüber hat sich die Menschheit viel zu wenig Gedanken gemacht. Es gibt gute Möglichkeiten, die Photosynthese der Pflanzen zu nutzen – etwa mit Waldaufforstung, einer regenerativen Landwirtschaft, Begrünung von Wüsten, was in China schon geschieht. Schon allein aus Gründen der Biodiversität sind diese Optionen an Land extrem wichtig. Aber das reicht niemals aus, um die Mengen CO2 aus der Atmosphäre herauszuholen, die die Menschheit hineingeschaufelt hat – nämlich 1.700 Gigatonnen.
Welche Rolle können die Algenfarmen für die Reinigung der Atmosphäre spielen?
Der Meeresbiologie Victor Smetacek, emeritierter Professor am Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung in Bremerhaven, hat aufgezeigt, dass mit riesigen, schwimmenden Algenfarmen in den offenen Ozeanen das Kohlendioxyd herausgeholt werden kann – kontrolliert, natürlich nicht unkontrolliert. Ich war davon sofort ganz angetan, und man muss wirklich das Wort „riesig“ betonen. Wir reden über Tausende von Quadratkilometern. Damit haben wir die Chance, die Reduktion der CO2-Konzentration in der notwendigen Menge und Geschwindigkeit zu bewerkstelligen. Wohlgemerkt ergänzend zu den genannten biologischen Kohlenstoffsenken an Land, nicht als Ersatz. Diese Makroalgen haben, wenn sie Nährstoffe und Sonnenlicht bekommen, eine Verdopplungsgeschwindigkeit von zwei bis zehn Tagen. Das ist gigantisch. Bäume können in zwei Tagen ihre Biomasse nicht verdoppeln. In Bezug auf die 1.700 Gigatonnen, was wir herausholen müssen, schaffen die Landflächen nicht einmal zehn Prozent.
Stimmen Sie mir zu? Es braucht ein hohes Maß an Vorstellungsvermögen, um zu verstehen, wie solche Algenfarmen so große Wirkungen erzielen können.
Ja, das ist so. Aber: 1990 konnten sich die weitaus meisten Menschen auch nicht vorstellen, dass die Photovoltaik jemals einen nennenswerten Beitrag im Energiesystem erbringen wird. Dieses Nicht-vorstellen-können ist kein Kriterium, es nicht anzugehen. Die Menschheit ist in der Lage, wenn sie etwas pusht, hohe industrielle Geschwindigkeiten zu erzielen. Die Photovoltaik ist ein Paradebeispiel dafür.
Wo könnte man die Makroalgenfarmen installieren?
Wir haben in der Tat offene Flächen in den Meeren, die nicht oder nur wenig durch andere Nutzungen gestört werden. Die subtropischen Meereswirbel, man nennt sie auch die „Wüsten der Meere“, können wir hierfür verwenden. Die dortigen Strömungsverhältnisse verhindern, dass ein Algenwachstum unkontrolliert auf andere Regionen überspringt und zum Beispiel Strände verschmutzt. Das passiert heute schon in natürlichen Prozessen, etwa im chinesischen Meer oder in der Karibik. Dort haben wir, verursacht aber durch industrielle Verschmutzungen, ein Algenwachstum, das zu einem echten Umweltproblem geworden ist. Zweierlei wird dadurch deutlich: Erstens, die Makroalgen können wachsen, aber wir sollten sie – zweitens – kontrolliert wachsen lassen. Das geht am besten in den subtropischen Meereswirbeln.
Und wie würde das Algenwachstum, sie sprechen von Teppichen, dort initiiert?
Das Meer ist dort, in einer Tiefe von 800 Metern sehr nährstoffreich, und man kann mit großen Rohrsystemen, ein bis zwei Meter Durchmesser, dieses nährstoffreiche Wasser an die Oberfläche holen. Anfangs angestoßen durch Pumpen, im Anschluss bewirkt ein hoher Dichteunterschied zwischen den Wasserschichten den nötigen Auftrieb. Oben muss es dort verteilt werden, wo die Makroalgen gesät werden und wo sie im Sonnenlicht wachsen können. Notwendig ist zudem eine relativ kleine, kontrollierte Düngung mit Eisensulfat.
In welchem Zeitraum könnte dieser Ansatz eine CO2-Konzentration in der Atmosphäre bewirken, mit fiebersenkender Wirkung für die Erde?
Wir müssen damit sofort anfangen. Industrielle Entwicklungen lassen sich sehr schnell hochskalieren. Wir nehmen zwei bis drei Jahrzehnte in den Blick. Das ist auch der Zeitraum, der uns als Zivilisation wohl noch zur Verfügung steht, um die 1.700 Gigatonnen CO2 aus der Atmosphäre herauszuholen. Wir dürfen nicht erst in 30 Jahren damit anfangen. Entscheidend wird sein: Niemand wird so etwas aufbauen, wenn er keinen ökonomischen Mehrwert erzielt. Das Spannende ist: Die produzierten Makroalgen können als Basisrohstoffe für das dienen, was die Menschheit benötigt.
Wovon sprechen wir?
Man kann Treibstoffe produzieren, etwa für Langstreckenflüge, die wir elektrisch nicht darstellen können. Im Chemiesektor können wir den Grundstoff für die Herstellung von Farben, Lacken, Kunststoffen aus diesen Makroalgen produzieren, statt aus Erdöl. Wir können Baumaterial, ein hochfestes Kohlenstoff-Material, daraus erschaffen. CO2 kann so auch langfristig gebunden werden. Wir denken auch so weit, die vielen Rohre für die Infrastruktur rund um die Algenfarmen gleich aus diesem Material herzustellen. Die Farmen erhöhen auch die Biodiversität, also Fische, Wale, Schildkröten und dienen damit für unsere Nahrungsgrundlage. Die Chancen sind sehr groß. Es braucht, wie immer, die Anfangsinvestitionen mit Risikokapital von Firmen, die in einigen Jahren damit gute Geschäfte machen können, so wie wir es bei der Photovoltaik gesehen haben.
Uns ist das Mittelmeer geografisch ja näher als die genannten subtropischen Wirbel, und hier hat sich die Oberflächentemperatur gegenüber dem Durchschnitt der Jahre 1991 bis 2020 um bis zu 8 Grad Celsius erhöht. Laienhaft könnte man denken, hier wäre ein Einsatz von Algenfarmen am dringlichsten.
Das Mittelmeer ist zu klein und auch sehr stark übernutzt, etwa über die Schifffahrt. Eine Nutzung wäre wirtschaftlich nicht tragfähig. Aber: Wenn die großen Algenfarmen eine Abkühlung bewirken, profitiert auch das Mittelmeer über eine Abkühlung auch der Wassertemperatur, und wir hätten auch eine Chance, die Übersäuerung zu stoppen. Zu ähnlich positiven Effekten kann dies auch in der Ostsee führen, langfristig gesehen.
Sie haben sich mit Ihrem Autoren-Team kürzlich zu einer Klausurtagung in Ihrer Heimatstadt Hammelburg getroffen. Welche Strategie verfolgen Sie, welche Rolle spielt China dabei?
Wir brauchen natürlich die Unterstützung der Politik, dass wir in die großen Meeresregionen hineingehen können. Wir brauchen die Finanzwirtschaft, die bereit ist, mit Risikokapital in erste große Projekte zu investieren, zugleich auch die Forschung für die Technikentwicklung und damit Negativeffekte vermieden werden können. Auch die fossile Wirtschaft muss erkennen, dass sie ihre Geschäfte fortsetzen kann, wenn sie einen Wechsel bei den Rohstoffen hin zu klimaschützenden Rohstoffen vornimmt. Es gibt eine große Resonanz in China. Mir macht das große Hoffnung, weil wir die industrielle Geschwindigkeit der Chinesen brauchen. Zugleich möchte ich nicht, dass China schon wieder allein eine saubere klimaschützende Großtechnologie beherrscht und uns damit beliefert. In der internationalen Kooperation ist Platz für alle, auch für die Küstenstandorte im Süden dieser Erde. Wir sind im ständigen Austausch mit den chinesischen Partnern.
Herr Fell, wir erleben die schlimmen Brände in Europa, Dürre und Trockenheit. Glauben Sie, dieser Schockmoment könnte eine Kehrtwende hin zum ambitionierten Klimaschutz bewirken – gesellschaftlich, politisch? Das würde einen Sinneswandel in der Bundesregierung bedeuten, bei Herrn Merz, Frau Reiche und anderen.
Es ist falsch zu glauben, dass es kein Bewusstsein für den Klimaschutz gibt bei uns. Aber es gibt Hetzkampagnen, interessengeleitet, die sich in politischen Parteien niederschlagen, allen voran die AfD. Menschen wie Herr Chrupalla werden die Dringlichkeit wahrscheinlich erst begreifen, wenn ein Tornado sein eigenes Haus zerstört hat. Kanzler Merz hat jetzt gesagt: „Die Bundesregierung wird alles tun, um den Klimawandel zurückzudrängen.“ Wahrscheinlich hat er noch nicht begriffen, was dieser Satz bedeutet. Wir werden es nun von ihm einfordern, er wird das definieren müssen. Daraus folgt dann zwangsläufig eine ganz andere Wirtschaftspolitik als seine bisherige, klimaschädliche.
Das Gespräch führte Benedikt Brüne.
Seit der Gründung im Jahr 2006 leitet Hans-Josef Fell als Präsident die Energy Watch Group, ein unabhängiges, gemeinnütziges, globales Netzwerk von Wissenschaftlern und Parlamentariern. Er ist einer der Initiatoren des Erneuerbare-Energien-Gesetzes der rot-grünen Bundesregierung im Jahr 2000. Zuvor war er Gymnasiallehrer und Stadtrat in Hammelburg (Landkreis Bad Kissingen) und setzte sich schon damals mit großem Engagement für Erneuerbare Energien ein, unter anderem als Gründer der weltweit ersten Energiegemeinschaft zur Produktion von Solarenergie.
