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Verknappungen führen zu steigenden fossilen und atomaren Energiepreisen – Vorbote von Blackouts?

Die ZDF-Sendung Frontal 21 hat den Beitrag zum Strom Blackout aus dem letzten Jahr in ein beeindruckendes neues Video gepackt.

Unsere Energieversorgung ist verwundbar durch Wetterextreme wie beim Blackout im November 2005 im Münsterland, der 250.000 Menschen tagelang ohne Strom zurückließ. Oder wie aktuell im US-Staat Virginia, wo rund 400.000 Menschen aufgrund eines Schneesturms ohne Strom dastehen. Aber auch Hackerangriffe bedrohen unser Versorgungssystem, denn sie zielen auf die wachsende Digitalisierung im Energiesektor ab. Trotzdem gilt unser Stromnetz in Deutschland als stabil. Sind wir deshalb gefeit gegen Strom Black Outs?

Im Video wird am Ende beeindruckend dargestellt am Beispiel des unterfränkischen Stadtwerks Haßfurt wie der großen Gefahr von Black Outs entgegnet werden kann: Mit einer dezentralen systemsicheren örtlichen Vollversorgung mit 100% Erneuerbaren Energien. Doch genau davon sind wir in Deutschland und anderswo weit entfernt, das Stadtwerk Haßfurt gehört zu den seltenen Vorreitern, Blackout-Vorsorge gibt es noch in einigen Kommunen in der Steiermark, Österreich, aber sonst ist echte Vorsorge kaum zu finden.

Immerhin setzen immer mehr Privatleute auf Notstromversorgung mit Batterien und Solaranlagen. Meist aber verlassen sich Energieversorger und Stromkunden darauf, dass das Netz immer die nötigen Strommengen liefert. Selbst die Energiewende wird seit den Regierungen unter Kanzlerin Merkel immer mehr zentriert auf große erneuerbare Strukturen wie Offshore Windparks, große überregionale Netze und ein politisch gesteuertes Marktdesign, welches über die Strombörse die Stromversorgung zentral über den „Markt“ steuern soll. Daher bezeichnet Frontal 21 auch die Energiewende selbst als anfällig für Blackouts.

Um dem entgegenzusteuern muss nun die Ampelkoalition wesentlich stärker als bisher neben dem natürlich wichtigen Ausbau von Offshore Windparks auf eine dezentrale örtliche Erneuerbare Energien Erzeugung und örtliche Systemsicherheit setzen – eben wie es in Haßfurt immer stärker umgesetzt wird.

Würden Orte und Regionen eine 100% Erneuerbare Energien Versorgung dezentral aufbauen und im Netzverbund autarkiefähig bei Ausfall des zentralen Netzes sein, dann könnte es keinen großflächigen langandauernden Blackout geben, der sich zu einer gewaltigen unbeherrschbaren Katastrophe ausweiten könnte. Genauso wenig wie es politische Verwerfungen, verursacht durch die Energiepreiswut, geben würde.

Dabei tauchen aktuell immer mehr dunkle Wolken im konventionellen Energiesystem auf, die zu vielfältigen Katastrophen – nicht nur Strom Blackouts – führen könnten. Die Verwundbarkeit des allumfassenden zentralen Energiesystems auf Basis von Erdöl, Erdgas, Kohle und Atomkraft tritt aktuell voll zu Tage.

Beispiel Energiepreiswut in Kasachstan

In Kasachstan ist vor wenigen Tagen wegen einer Verdopplung der Erdgaspreise ein Volksaufstand  entstanden, mit weit über hundert Toten, Tausenden Verhaftungen, Entlassung der Regierung, ein von der Regierung gewünschter Einmarsch russischer Truppen und damit hohe geopolitische Verwerfungen.

Die wirtschaftliche Abhängigkeit Kasachstans vom Erdöl- und Erdgassektor, sowie das Unvermögen der Regierung im letzten Jahrzehnt auf Erneuerbare Energien umzustellen, hat das Land nun ins Chaos gestürzt. Kasachstan liefert fast 10 % des deutschen Erdölverbrauchs, weshalb wegen der Aufstände auch unsere Energieversorgung tangiert werden kann. Diese Einnahmen hat das despotische Regime unter anderem zu starken Waffeneinkäufen auch aus Deutschland genutzt, die nun gegen das eigene Volk gerichtet werden. Jedenfalls gibt es nur Entsetzen über den Schießbefehl des kasachischen Präsidenten Tokajew gegen die Aufständischen.

Dabei gab es gerade vor und während der EXPO 2017 in Astana eine Aufbruchsstimmung für Erneuerbare Energien. Auch ich hatte auf Wunsch der kasachischen Regierung einen politischen Vorschlag für den Ausbau der Erneuerbare Energien gemacht und später nochmal auf dem World Economy Forum mit Regierungsvertretern über eine politische Strategie zum Ausbau der Erneuerbare Energien gesprochen.

Doch die Erdöl- und Erdgasmachteliten torpedierten jede nennenswerte Politik für Erneuerbare Energien. So hat Kasachstan heute ein lächerliches Regierungsziel von 15% Erneuerbare Energien bis 2030. Genau die Missachtung des Ausbaus der Erneuerbaren Energien im letzten Jahrzehnt als Bremse gegen Verknappungen und Preissteigerungen im fossilen Sektor ist die tiefere Ursache für die Aufstände wegen Erdgaspreiswut der kasachischen Bevölkerung. Denn Solarstrahlung und Wind gibt es auch in Kasachstan in Hülle und Fülle und sind zudem viel billiger als Erdgas, Kohle, Erdöl und Atomstrom.

Massive Energiepreissteigerungen auch in Deutschland

Die Erdgas-, Erdöl- Kohle- und Atomstrompreise sind auch in Deutschland massiv gestiegen und mit ihnen der Strompreis. Meine Warnungen, die Steuerfinanzierung der EEG-Umlage würde eben nicht zu den gewünschten Strompreissenkungen führen, wurde jetzt am Jahreswechsel überdeutlich bewahrheitet.

Doch noch immer glaubt Finanzminister Lindner, die Senkung der EEG-Umlage würde zu einer Strompreissenkung führen. Er übersieht, wie viele Analysten auch, die anderen dominanteren Faktoren, wie das EEG-Paradoxon, wonach mit steigender EEG-Umlage die Börsenstrompreise sinken und umgekehrt. Aber auch Verknappungen von Energierohstoffen und in Folge dessen auch massive Preissteigerungen, bis hin zu Konkursen von Billiganbietern im Erdgas- und Stromsektor.

Russland, zum Beispiel, hat seine Erdgasförderung im letzten Jahrzehnt nicht nennenswert steigern können. Aber die Begehrlichkeiten nach russischem Erdgas sind immer weiter gestiegen. Mit immer neuen Pipelines wurden die Exportkapazitäten nach Südosteuropa, nach China und die beiden Nordstreampipelines zwar deutlich erhöht, doch nennenswert mehr Erdgas kann Russland dennoch nicht liefern, als eben die weitgehend stagnierende Gasförderung hergibt.

Kein Wunder, dass bei weiteren Nachfragesteigerungen die Erdgaspreise weiter steigen. Selbst wenn Nordstream II in Betreib gehen würde, könnte Russland die neue Pipeline nicht mit zusätzlich gefördertem Erdgas füllen, ohne die Exporte in andere Länder zu kürzen. Die Erdgaspreise steigen dann auch bei uns. Es ist bezeichnend, dass die Erdgaslieferungen aus Russland über die Yamalpipeline, die über Belarus und Polen führt, schon versiegten, sogar ohne Inbetriebnahme von Nordstream II.

Wächst die Energiepreiswut auch in Europa?

 Es ist eine Frage der Zeit, wann auch in Europa wieder Aufstände wegen hoher Erdgas-, Erdöl- oder Strompreise auftauchen. Um 2008 herum gab es das alles schon, als Fernfahrer, Bauern, Fischer protestierten und Blockaden bauten, weil ihnen die Spritpreise zu hoch waren. Auch die Gelbwestenproteste in Frankreich waren durch hohe Benzinpreise verursacht.

Zu allem Übel hat nun Frankreich mit seinen Atomkraftwerken größte Probleme. Wegen Wartung und unerwarteten sicherheitstechnischen Problemen, wie Risse in Rohrleitungen stehen plötzlich fast 30% der alten maroden französischen Atomkraftwerke still. Von wegen Atomstrom sei eine sichere Energieversorgung!

Der Mangel an französischem Atomstrom mitten im kalten Winter kann nur teilweise mit Strom aus anderen Ländern wie deutschem Ökostrom ausgeglichen werden, genau das treibt auch bei uns die Strompreise zusätzlich nach oben. Sollte in den nächsten Wochen die sich abzeichnende Kältewelle lange andauern, dann kann es wegen der französischen Atomstromabhängigkeit in ganz Europa zu starken Stromengpässen, zu weiter massiv steigenden Strompreisen und zunehmend auch zu Blackout-Gefahren kommen. Ein flächendeckender Strom Blackout kann die fürchterliche Folge sein.

All diese aktuellen Entwicklungen hätten nicht sein müssen. Hätte es unter den Merkel und Macron Regierungen ein Fortlaufen des mit dem EEG angestoßenen exponentiellen Wachstums der Erneuerbaren Energien im Stromsektor gegeben, könnte heute schon die deutsche Stromversorgung bei etwa 100% Erneuerbare Energien sein. Erdgas- Kohle- Atomstrompreissteigerungen hätten keinen Einfluss auf den Strompreis, dezentrale Versorgungssicherheit wäre gegeben.

Das massive Ausbremsen des Ökostromwachstums durch Frau Merkel, sowie deren Minister Gabriel, Rösler, Altmaier hat uns aber in die prekäre heutige Lage gebracht, so dass wir weiter in der Abhängigkeit von immer teurer und knapper werdendem Erdgas-, Erdöl-, Kohle- und Atomstrom sind.

Es braucht in den nächsten Wochen und Monaten eine sehr umsichtige Ampelregierungspolitik, die nicht nur den massiven und schnellen Ausbau der Erneuerbaren Energien ankurbelt, sondern sich auch von der angeblichen Übergangstechnologie Erdgas verabschiedet und auch die sozialen Verwerfungen durch die hohen Energiepreise auffängt, damit es nicht wieder wie um 2008 zu Protesten und Blockaden, oder gar zu wütenden Aufständen wie in Kasachstan, kommt.

Hammelburg, 10. Januar. 2022,

Ihr Hans-Josef Fell