Bundesrechnungshof sieht die Wasserstoffpolitik der Bundesregierung als gescheitert an

Im Oktober 2025 legte der Bundesrechnungshof einen ausführlichen Bericht über die Effektivität der deutschen Wasserstoffstrategie vor.

Der Bericht bewertet diese anhand der rechtlichen Anforderungen des Energiewirtschaftsgesetzes, insbesondere Versorgungssicherheit, Bezahlbarkeit, Umweltverträglichkeit, Klimaneutralität und fiskalische Solidität. Sein Fazit lautet, dass die Wasserstoffstrategie diese Kriterien nicht erfüllt, obwohl 2024 bereits 4,3 Milliarden Euro Subventionen bereitgestellt wurden, 2025 mehr als 3 Milliarden Euro folgten und sich mehrjährige Zusagen in Milliardenhöhe bis zum Ende des Jahrzehnts erstrecken.

Der Bericht fordert ausdrücklich einen Realitätscheck und einen Plan B und warnt, dass das Festhalten am aktuellen Kurs gleichzeitig Klimaziele, industrielle Wettbewerbsfähigkeit und die Bundesfinanzen gefährdet.

Die Prüfung stellt eingangs fest, dass die Wasserstoffwirtschaft, die Deutschland für 2030 geplant hatte, kaum noch Ähnlichkeit mit der sich abzeichnenden Realität hat. Die inländische Elektrolysekapazität war für 2030 mit 10 GW angesetzt, doch bis 2025 waren weniger als 0,2 GW in Betrieb und inzwischen werden für 2030 weniger als 5 GW erwartet.

Auf der Importseite ist die Diskrepanz noch gravierender. Weltweit beläuft sich die grüne Wasserstoffproduktion mit finalen Investitionsentscheidungen für 2030 auf rund 63 TWh, während Deutschland allein eine Importnachfrage von 47,5 TWh am unteren Ende und bis zu 91 TWh am oberen Ende prognostizierte. Selbst unter optimistischen Annahmen müsste Deutschland damit rund drei Viertel des weltweiten Angebots sichern – ein Ergebnis, das der Rechnungshof nicht als ambitioniert, sondern als unrealistisch einstuft.

So die Zusammenfassung des Berichts laut CleanTechnica:

Quelle: CleanTechnica

Eine 400 km lange Wasserstoffpipeline ohne Einspeiser und ohne Kunden

Symptomatisch für die gravierenden Fehleinschätzungen der verschiedenen Bundesregierungen im Wasserstoffhochlauf ist die kürzlich gefeierte Befüllung der 400 km langen Wasserstoffpipeline von Lubmin nach Bobbau. Eine ehemalige Erdgasleitung wurde auf Wasserstoffbetrieb mit 428,5 Millionen Euro Gesamtkosten umgebaut. Es ist das bisher längste Teilstück der geplanten 9.040 Kilometer langen Wasserstoffkernnetzes.

Das Problem: Es gibt keinen einzigen Einspeiser und auch keinen Kunden, der Wasserstoff aus dieser Leitung bezieht, da Wasserstoff etwa dreimal so teuer ist wie Erdgas.

Quelle: Blackout News

Es gibt auch keine erkennbare Perspektive, dass sich dies in den kommenden Jahren ändern wird.

Vielmehr sagen immer mehr potenzielle Kunden trotz hoher Fördermittel ihre Wasserstoffpläne ab, wie die Direktreduktionsanlagen des Stahlherstellers ArcelorMittal in Bremen und Eisenhüttenstadt sowie die Absage eines Elektrolyseurs durch das ostdeutsche Braunkohleunternehmen LEAG.

Quelle: Focus

Seit Jahren ist die Wasserstoffstrategie der Bundesregierung überdimensioniert und damit verfehlt

Sogar den Grünen nahestehende Institute wie Agora Energiewende oder das Öko-Institut gingen in ihren Studien von einem hohen grünen Wasserstoffbedarf aus. Im Verkehrssektor sollte Erdöl durch grünen Wasserstoff ersetzt werden. Doch längst erobern E-Mobile den Verkehrssektor: E-Autos, E-Busse, E-Bahnen und E-Lkw. Wasserstoff hat gegen die E-Mobilität keine Chance.

Genauso im Heizungsbereich: Brennstoffzellenheizungen betrieben mit Wasserstoff gibt es so gut wie keine, doch genau diese sollten die Erdgas- und Erdölheizungen ersetzen. Elektrische Heizungen wie Wärmepumpen oder Infrarotheizungen setzen sich jedoch durch.

Die Gründe sind klar: Wasserstoff ist viel zu ineffizient gegenüber elektrischen Anwendungen. Nach internen Berechnungen der Energy Watch Group gehen vom ursprünglich erzeugten Solar- oder Windstrom immense Energiemengen in den einzelnen Wasserstoffumwandlungskettengliedern verloren: vom Elektrolyseur, zu Verdichtern, in der Wasserstofftankstelle, in den Pipelines sowie in der Brennstoffzelle.

So kommen im Wasserstoffauto etwa 17 % des ursprünglich erzeugten Ökostroms als Antriebsenergie im Auto an, sofern heimischer grüner Wasserstoff verwendet wird. Wird aber importierter grüner Wasserstoff, beispielsweise aus Australien oder Finnland, verwendet, sind es gar nur 8 %. Beim E-Auto dagegen kommen etwa 70 % des Ökostroms als Antriebsenergie an.

In der Brennstoffzellenheizung werden etwa 56 % des Ökostroms bei heimischer Erzeugung genutzt, bei Importwasserstoff nur 24 %. Dagegen werden in der Wärmepumpe je nach Leistungszahl um die 300 % des Ökostroms genutzt, da die Wärmepumpe ja etwa zwei Drittel der Energie aus der Umgebung holt.

Ähnlich sieht es auch in anderen Anwendungen aus: Wasserstoffspeicher gegenüber Batteriespeicher oder Lichtbogenstahlerzeugung gegenüber Wasserstoff.

Diese physikalischen Wirkungsgradunterschiede zwischen direkter elektrischer Ökostromanwendung und grünem Wasserstoff sind kein neues Wissen. Warum diese Aspekte in den vielen politischen Wasserstoffstudien des Wasserstoffrates nicht ausreichend berücksichtigt wurden, ist mir ein Rätsel. Denn jeder kann doch schnell erahnen, dass solch hohe Ineffizienzen schnurstracks in die Kostenfalle führen.

Jedenfalls wurden in der deutschen Wasserstoffstrategie utopische Mengen Wasserstoff von 110 TWh bis 130 TWh angenommen. Schaut man heute auf die wenigen Industrieanwendungen in der Düngemittelherstellung oder anderen, die sicher auch in Zukunft Wasserstoff benötigen werden, wird Deutschland in Zukunft eher bei etwa 4 TWh bis 14 TWh ankommen.

Quelle: CleanTechnica

Das geplante Wasserstoffkernnetz wird sich damit niemals füllen lassen. Die Investitionen von zig Milliarden Euro in das Wasserstoffkernnetz werden Stranded Investments – also rausgeworfenes Geld – sein.

Die dezentralen Grünen Wasserstoffanwendungen sind zu fördern, aber kein überdimensionierten Wasserstoffhochlauf

Die Kritik am Wasserstoffhochlauf und der Wasserstoffförderung bezieht sich im Wesentlichen auf die riesige Dimensionierung, insbesondere des Wasserstoffkernnetzes und die Importe von Wasserstoff.

Grüner Wasserstoff hat durchaus seine Berechtigung, insbesondere in der Chemie. Dort wird heute bei vielen chemischen Prozessen Wasserstoff benötigt. Dieser wird fast ausschließlich aus Erdgas reformiert. Diese Wasserstoffverwendungen sollten schnell mit Elektrolyse von Wind- und Solarstrom auf grünen Wasserstoff umgestellt werden, damit die damit verbundenen hohen Klimagasemissionen vermieden werden.

Ein Beispiel ist HVO, ein Treibstoff z.B. für Flugzeuge geeignet. Dabei werden Pflanzenöle mit Wasserstoff aufhydriert, um einen technisch hochwertigen Kerosinersatz zu erzeugen.

Doch solche Anwendungen in der Chemie sind vom Volumen nicht groß genug, als dass dafür ein Import von Wasserstoff und ein Kernnetz nötig wären. Die dezentrale Erzeugung am Chemiestandort ist dafür viel effizienter und damit auch kostengünstiger.

Die heutige Wirtschaftsministerin Katherina Reiche ist seit Anfang an Vorsitzende des deutschen Wasserstoffrates

Die Bundesregierung unter Kanzlerin Merkel hat die erste Nationale Wasserstoffstrategie (NWS) im Juni 2020 verabschiedet, um den Markthochlauf zu strukturieren.

Entscheidendes Beratungsgremium dafür ist der Nationale Wasserstoffrat der 2020 eingesetzt wurde.

Bis zu ihrem Amtsantritt als Wirtschaftsministerin war Katherina Reiche seit Anfang an die Vorsitzende dieses Nationalen Wasserstoffrates, der die Bundesregierung komplett falsch beraten hat, wie man am vernichtenden Urteil des Bundesrechnungshofes und am fehlenden Markthochlauf erkennen kann.

Quelle: Nationaler Wasserstoffrat

Reiches verfehlte Wasserstoffpolitik geht weiter

Im Februar hat der Bundestag dann – gegen die Stimmen von Grünen, Linken und AfD – auf Vorschlag der Regierung, also der zuständigen Ministerin Reiche, das Gesetz zum Wasserstoffhochlauf beschlossen. Darin wird nun sogar blauer Wasserstoff in die Kategorie überragendes öffentliches Interesse aufgenommen.

Quelle: Das Parlament

Blauer Wasserstoff wird aus Erdgas hergestellt. Das anfallende CO2
soll mit CCS abgeschieden werden. Die riesigen höchst klimaschädlichen Methanemissionen, die zum Beispiel beim Fracking der Erdgasgewinnung freigesetzt werden, kann CCS niemals abscheiden. Und selbst das CCS ist höchst ineffektiv, sehr teuer und kann nicht einmal alle CO2
Emissionen am Schornstein auffangen, Damit bleibt auch blauer Wasserstoff höchst klimaschädlich. Im Endeffekt hat die CDU/CSU/SPD-Fraktion damit sogar die Klimazerstörung in das überragende öffentliche Interesse gestellt.

Im Februar 2026 hatte Ministerin Reiche mit ihrer finnischen Amtskollegin Sari Multala eine Absichtserklärung für eine Wasserstoffpipeline durch die Ostsee bis nach Deutschland unterzeichnet. Ein neues Milliarden Euro schweres Projekt soll also nun gebaut werden, obwohl es in absehbarer Zeit keine nennenswerten Wasserstoffkunden am Ende der Pipeline geben wird.

Quelle: PV Magazine

Wie man am Wasserstoffhochlaufgesetz erkennen kann, dass nun auch ein Fokus auf fossilem Wasserstoff liegen soll, ist die Wasserstoffpolitik erneut ein großer Erfolg für die fossile, insbesondere die Erdgaslobby. Sie erhofft sich, ihre Erdgasinfrastruktur damit länger für Erdgasheizungen und Erdgaskraftwerke unter dem Schlagwort „wasserstoffready“ betreiben zu können. Kein Wunder: Vertreter der Erdgasnetzbetreiber sitzen ja auch im Nationalen Wasserstoffrat.

Seit Jahrzehnten wird mir immer klarer: Die nationale Wasserstoffpolitik wird vor allem unter dem Lobbyeinfluss der fossilen Wirtschaft zum Erhalt ihrer fossilen Interessen organisiert

Vor der Jahrtausendwende hatte ich auch selbst noch an grünen Wasserstoff als kommendes zentrales Element in der Energiewirtschaft geglaubt, als sinnvolle Speicherergänzung in einem Energiesystem, das hauptsächlich auf Sonne und Wind beruhen wird.

So war ich Mitte der 90er Jahre als Stadtrat aus Hammelburg in meine Nachbarstadt Bad Brückenau zur Einweihung der „Wasserstoffstadt Bad Brückenau“ geladen. In diese kleine fränkische Stadt kamen damals Vertreter aus Japan, den USA und China sowie natürlich die bayerische CSU-Prominenz aus München – begleitet von hohen Steuergeldsubventionen –, um diese Vorzeigewasserstoffstadt aufzubauen.

Es ist nie etwas daraus geworden.

Kurz nach der Jahrtausendwende bin ich mehrfach Wasserstoffautos von BMW Probe gefahren, und BMW wollte mir klar machen, dass man dieses Wasserstoffauto in wenigen Jahren kaufen könne.

Ich kann mich auch gut erinnern, wie Daimler-Chrysler 2003 Bundeskanzler Schröder ein Wasserstoffauto überreichte, in dessen Entwicklung Daimler bereits rund 1 Milliarde Euro investiert hatte. Damals kündigte das Unternehmen an, Wasserstoffautos ab 2010 serienreif anbieten zu können.

Quelle: n-tv

Ich fuhr damals schon kleine elektrische Autos und sah die chinesische E-Mobilität am Horizont heraufziehen.

Heute spielt Wasserstoff im globalen Energieinvestment ein Nischendasein im Vergleich zur Elektrifizierung mit Erneuerbaren Energien

Heute ist es klarer denn je: Trotz jahrzehntelanger massiver Subventionen in die Wasserstofftechnologie spielt sie weltweit keine ernstzunehmende Rolle im Energiesektor.

So lagen die globalen Investitionen 2025 in Wasserstofftechnologien bei etwa 8 Milliarden US-Dollar.

Die Investitionen in Erneuerbare Energien, E-Mobile und elektrische Leitungen lagen weltweit in der Summe bei gut 2.000 Milliarden US Dollar, also etwa 250-mal höher.

Quelle: BloombergNEF

Dennoch spielt Wasserstoff als Nischentechnologie in der öffentlichen Energiedebatte eine zentrale Rolle. Sie lenkt damit von den wirklich entscheidenden Energiedebatten ab.

Übrigens spielt auch die kürzlich wieder vom bayerischen Ministerpräsidenten Söder in die politische Diskussion eingebrachte Atomtechnologie weltweit ein ähnliches Nischendasein wie Wasserstoff. 2025 wurden global in Erneuerbare Energien etwa 21-mal mehr investiert als in die Atomtechnologie. Aber selbst hier gibt es Fantasien, mit Atomstrom Wasserstoff zu erzeugen.

Quelle: World Nuclear Industry Status Report

Damit entpuppt sich die Wasserstoffstrategie der Bundesregierung als das, was sie in Wirklichkeit ist: ein Ablenkungsmanöver mit dem Ziel, die fossilen Energien länger am Leben zu halten – im Gegensatz zur schnell wachsenden Elektrifizierung mit Erneuerbaren Energien.

Nur ist dieser Wasserstoffirrweg in Deutschland auch sehr teuer, darauf hat der Bundesrechnungshof eindrücklich hingewiesen.

Die Sperrung der Straße von Hormus zeigt aktuell, dass jedes Festhalten an fossilen Energien, wie z. B. blauer Wasserstoff, ein hochgefährlicher, kriegsinduzierender Energieirrweg ist.

Wann endlich werden in der öffentlichen Debatte und im politischen Handeln diese Irrwege beendet: Erdgas als Brücke, Wasserstoffzeitalter, CCS, Atomkraft und Kernfusion?

Wann endlich drehen sich öffentliche Debatte und politisches Handeln ohne Wenn und Aber um die einzig sinnvolle Perspektive: 100 % Erneuerbare Energien in allen Energiesektoren in spätestens zehn Jahren?