Von der Klimaangst zum Klimaschutz

 

Liebe Leser*innen,

 

dass der Klimawandel eine Gefahr für unsere Gesundheit darstellt, ist längst kein Geheimnis mehr. Ob im Globalen Süden, etwa durch Hitzewellen in Pakistan mit Temperaturen bis zu 48 Grad, oder bei uns zulande mit Sommer-Rekordtemperaturen, hin zur schrecklichen Flutkatastrophe im Ahrtal im vergangenen Jahr – die Auswirkungen der Klimakrise sind real und längst ist klar: Der globale Temperaturanstieg verstärkt die Intensität solcher Extremwetterereignisse und beeinträchtigt damit die menschliche Gesundheit.

 

Neben den physischen Auswirkungen rücken zunehmend aber auch die psychischen Folgen für unsere Gesundheit in den Vordergrund. Psychische Erkrankungen können entweder als direkte Reaktion auf Extremwetterereignisse oder Naturkatastrophen durch die schweren sozialen und ökonomischen Schäden entstehen. Beispielsweise benötigen die Betroffenen der Flutkatastrophe im Ahrtal Behandlung. Indirekte psychische Folgen können aber auch auftreten, wenn z.B. ein nicht direkt vom Hochwasser betroffenes Kind längere Zeit nicht in den Kindergarten gehen kann.

 

Aber auch schon vor dem Erleben solcher Auswirkungen kann es durch die reale Bedrohung des Klimawandels zu großen mentalen Belastungen kommen. So beobachten immer mehr Menschen mit höchster Sorge die mit der Klimakrise einhergehenden Veränderungen, sorgen sich um das Leben ihrer Kinder und Enkelkinder auf dem Planeten Erde, oder wollen schon gar keine mehr in die Welt setzen.

 

Und dafür gibt es leider auch allen Grund. Gemäß einer Studie aus dem letzten Jahr, sind heutige Sechsjährige einem drei Mal so hohem Risiko ausgesetzt, klimabedingte Naturkatastrophen zu erfahren im Vergleich zu ihren Großeltern, die 1960 geboren sind.

 

 

Das Phänomen Klimaangst

 

Diese mit dem Klimawandel in Verbindung stehenden Gefühle wie Angst, Schuldgefühle, Wut, sowie ein allgemeines Gefühl der Macht- und Hilflosigkeit, werden von Psycholog*innen unter dem Begriff „Klimaangst“ zusammengefasst.

 

Dass die Auseinandersetzung mit der Thematik zunimmt, zeigen auch Angaben von Google. Demnach wurde der englische Begriff „climate anxiety“ zwischen August 2020 und August 2021 um 565 Prozent häufiger im Vergleich zu den Vorjahren gegoogelt.

 

Die im Zuge der Fridays For Future-Bewegung gegründete Initiative Psychologists for Future / Psychotherapists for Future (Psy4) spricht bei der Klimaangst allerdings nicht von einer psychiatrischen Diagnose. Von einer Angststörung könne erst gesprochen werden, wenn der Leidensdruck sehr hoch ist und mit Einschränkungen im alltäglichen Leben verbunden ist.

 

Die Initiative Psy4 setzt sich zudem für eine differenziertere Bewertung des Begriffs „Klimaangst“ ein. Nach ihrem Verständnis können die Ängste und Sorgen der breiten Bevölkerung im Zusammenhang mit dem Klimawandel sogar als positiv bewertet werden. Die Klimanagst motiviert nämlich zum Handeln und sorgt für einen angemessenen Umgang mit der Krise. Diese hatte wohl schon die damals 16-jährige Klimaaktivistin Greta Thunberg erkannt. In ihrer Rede vor dem Weltklimaforum in Davos sagt sie:

 

„Ich will, dass ihr die Angst spürt, die ich jeden Tag fühle. Und dann möchte ich, dass ihr handelt.“

 

Es ist also genau jene Angst, die unser Bewusstsein für die Klimafolgen schärft, die uns wachrüttelt und die uns letztlich ins Handeln versetzt. Gefühle wie Ängste sind zunächst einmal Bedürfnisanzeiger und haben eine adaptive Funktion, um effektiv auf komplexe, nicht direkt sichtbare Bedrohungen zu reagieren. „Sie wirken als Signal und Motivator – und erfüllen im gesellschaftlichen Kontext zudem eine Rolle als wirkmächtiges politisches Motiv“, so Psy4.

 

Wichtig dabei ist jedoch zu erkennen, dass eine bloße Individualisierung der Verantwortung im Kontext der Klimakrise keine Lösung darstellt. Im Gegenteil: Sie kann den Leidensdruck bei Einzelnen verstärken, das Wohlbefinden beeinträchtigen und die individuelle Handlungsfähigkeit einschränken. Letztendlich braucht es eine gesamtgesellschaftliche Lösung der Klimakrise und Veränderungen auf politischer Ebene.

 

Die Ängste und Sorgen Einzelner müssen ernst genommen werden und dürfen nicht in Ohnmacht und Lähmung münden oder schlimmer noch gar in Selbstmorde aus Verzweiflung. So analysiert Hanna Klenk in ihrer Masterarbeit 2021: „[…]europäische Selbstmordraten konnten zwischen 2000 und 2012 zu 37% durch klimabedingte Variablen erklärt werden.“

 

Dabei kann es beispielsweise helfen, sich in Gruppen zusammen zu schließen – im Rahmen von Klimastreiks, Bürgerenergiegemeinschaften oder anderen klimaaktiven Vereinen. Dort können Erfahrungen ausgetauscht, gemeinsam an Lösungen getüftelt, und auch die damit verbundene Freude geteilt werden. Das stärkt uns letztlich und wir sind gemeinsam mutiger.

 

Vor einiger Zeit diskutierten Lea Dohm, Mitbegründerin von Psychologists for Future und ich im Beitrag von BR2 „Meine persönliche Energiewende“, wie man selbst aktiv werden und was helfen kann, um ins Handeln zu kommen.

 

In ihrem neuen Buch „Klimagefühle“ beschreiben Lea Dohm und Mareike Schulze zudem ausführlich, wie man diese Klimaangst überwindet, Strategien für einen gesunden Umgang mit den eigenen „Klimagefühlen“ findet und so an der Klimakrise sogar wachsen kann.

 

Es wird höchste Zeit, dass sich Mediziner*innen wie auch Politik intensiver dem Thema Klimaangst widmen. Aktivitäten auf kommunaler Ebene, unterstützt von Landes- und Bundesregierungen sind erforderlich. Gemeinschaftliche Aktivitäten unter Einbindung gerade der Jugendlichen für den Klimaschutz (Gründung von Bürgerenergiegemeinschaften, Stammtischen, Vereinsgründungen u.a.) können durch die eigene Aktivität die lähmende Angst überwinden. Wer selbst in Gemeinschaften mit anderen aktiv im Klimaschutz wird, kann so die eigene Klimaangst leichter überwinden und der Klimaschutz würde aktiv befördert.

 

 

 

 

Hammelburg, 03. August, 2022

Ihr Hans-Josef Fell