Jetzt ist der politische Rahmen für Energy Sharing zu schaffen

Liebe Leser*innen,

 

vor dem Hintergrund anhaltender, sich überlappender Krisen – der Klimakrise, dem Krieg in der Ukraine, den rasant steigenden Energiepreisen – darf die Ampelkoalition jetzt keine Zeit mehr verlieren. Die Erneuerbaren Energien müssen JETZT massiv und so schnell wie möglich ausgebaut werden!

 

Dafür ist die Einbindung und Teilhabe der deutschen Bürger*innen von enormer Bedeutung – einerseits, um die erforderliche Akzeptanz für diese Veränderungen zu erhalten und wieder zu beleben, andererseits aber auch, um notwendige Investitionen aus dem privaten Bereich zu mobilisieren. Denn es waren die Bürger*nnen und neue Akteur*innen, nicht die großen Energiekonzerne, die 80 % aller Erneuerbare-Energien-Investitionen getätigt haben. Mit den Gesetzesnovellen unter Kanzlerin Merkel wurde ihnen aber der Boden unter den Füßen weggezogen. Diese Bürgerenergie muss wieder belebt werden.

 

Ein vielversprechender Ansatz hierzu liegt im Energy Sharing – einem Konzept, das die EU bereits ausgearbeitet hat und das in diesem Erklärvideo von Bündnis Bürgerenergie nochmal gut veranschaulicht wird. Energy Sharing bedeutet vor allem, dass alle Energiekonsument*innen nicht nur Energie einkaufen, sondern auch selbst erzeugen und untereinander austauschen können. Heute ist die Mitnutzung des Stroms von der Solaranlage des Nachbarn oder des Vermieters auf dem Hausdach nur mit extrem schwer zu erfüllenden gesetzlichen und finanziellen Auflagen verbunden, sodass diese Möglichkeit weitgehend brach liegt.

Die Grundidee von Energy Sharing besteht darin, dass alle Bürger*innen, die in einem vorher definierten Umkreis um Erneuerbare-Energien-Anlagen wohnen, Mitglied einer sogenannten Erneuerbaren-Energien-Gemeinschaft (EE-Gemeinschaft) werden dürfen. Die lokalen Bürgerwind- und Bürgersolaranlagen, an denen sich die Mitglieder finanziell beteiligen können, produzieren Strom, der dann direkt über das regionale Verteilnetz mit den Mitgliedern geteilt wird. Gleichzeitig erhalten EE-Gemeinschaften finanzielle Vorteile, wenn sie selbst erzeugten Strom aus „ihrer“ Anlage zeitgleich und regional verbrauchen. Allerdings muss die Möglichkeit des Energy Sharing über die EU-Definition hinaus auch für die gemeinsame Nutzung von Wasserkraft, Bioenergie und Geothermie ausgeweitet werden.

 

Das Bündnis Bürgerenergie (BBEn) hat in einem Konzeptpapier bereits beschrieben, wie ein solches Energy Sharing in Deutschland ausgestaltet werden kann. Darauf basierend hat das Institut für ökologische Wirtschaftsforschung (IÖW) im Auftrag des Bündnisses nun eine Potenzialstudie für Energy Sharing vorgelegt.

Die Ergebnisse sind wegweisend: So kommen die IÖW-Forscher*innen zu dem Ergebnis, dass 90 % aller Haushalte in Deutschland mit vergünstigtem Energy-Sharing-Strom versorgt werden könnten. Gezeigt wird auch, dass die Entstehung von EE-Gemeinschaften überall in Deutschland möglich ist. Insgesamt können sich 5.919 EE-Gemeinschaften bilden, davon sind 1.702 EE-Gemeinschaften, die sowohl Wind- als auch PV-Anlagen betreiben, und 4.217 EE-Gemeinschaften, die nur PV-Anlagen betreiben. Im Durchschnitt hat eine EE-Gemeinschaft 10.800 Mitglieder.

Die IÖW-Studie belegt ein erhebliches Potenzial für Energy Sharing, das 35 % des von der Bundesregierung aktuell geplanten Ausbauziels bis 2030 decken kann. Das entspricht 75 GW bzw. 75 TWh/a, welche durch Energy Sharing erreicht werden können.

Es wird angeraten, die Potentialstudie auch auf Wasserkraft, Bioenergie und Geothermie zu erweitern. Dies würde noch ein erheblich größeres Potential ermöglichen, insbesondere, weil diese einen enormen Beitrag zum Ausgleich der wetterbedingten Schwankungen von Solar- und Windenergie schaffen und diese damit viel optimaler ausgenutzt werden können.

Die Studie macht auch die Investitionspotentiale sichtbar. Wird angenommen, dass Privatpersonen mindestens 12 % der Investitionskosten für die Anlagen in ihren EE-Gemeinschaften beisteuern, ergeben sich private Investitionen in Höhe von 6,5 Milliarden bis 12,8 Milliarden Euro. Jede Person wäre so im Durchschnitt mit rund 100 bis 200 Euro selbst an den Anlagen beteiligt.

Neben der Tatsache, dass Energy Sharing wirtschaftlich für EE-Gemeinschaften umsetzbar ist, betont die Studie auch, dass der Nutzen für die Allgemeinheit groß ist, wenn durch den gesetzlichen Rahmen der systemdienliche Ausbau und systemdienlichen Verbrauch angereizt wird. Dies kann in Zukunft dabei helfen, die Netzausbaukosten zu verringern und ganz entscheidend: uns unabhängiger von Rohstoffimporten machen.

 

Darüber hinaus erklärt Energieexpertin Dr. Astrid Aretz vom IÖW:

„Eine erfolgreiche Energiewende kann nur erreicht werden, wenn die Bürger*innen eingebunden werden. Die Menschen müssen von neuen Solar- und Windanlagen in ihrer Region profitieren.“

 

Katharina Habersbrunner, Vorständin im Bündnis Bürgerenergie ergänzt:

„Der Krieg Russlands in der Ukraine hat uns allen vor Augen geführt, wie wichtig eine unabhängigere Energieversorgung ist. Energy Sharing kann der entscheidende Baustein sein, um den Menschen die Möglichkeit zu einer selbstbestimmten Energieversorgung zu bieten.“

 

Bereits 2019 hat die EU Energy Sharing in der Erneuerbare-Energien-Richtlinie (Art, 22) verankert und eine Umsetzungsfrist auf nationaler Ebene bis Mitte 2021 festgelegt. Zwar hat sich die neue Bundesregierung die Umsetzung des Konzepts in den Koalitionsvertrag geschrieben, bislang ist sie der Entwicklung des notwendigen regulatorischen Rahmens aber nicht nachgekommen und auch mit dem Osterpaket werden erst kleinere Möglichkeiten eröffnet. Der Bundestag kann und sollte in seinen Änderungen des Regierungsentwurfes diese noch weit ausweiten.

 

Angesichts seiner großen Potentiale für Deutschland sowie der positiven Wirkungen des Energy Sharing kann nicht nur die Akzeptanz für die Energiewende innerhalb der Bevölkerung weiter hochgehalten werden, sondern durch die (finanzielle) Teilhabe werden sich Bürger*innen auch ganz konkret für den Ausbau von Erneuerbaren Energien vor Ort einsetzen und damit die Energiewende beschleunigen. Diese Chancen gilt es jetzt zu nutzen!

 

 

 

Hammelburg, 4. Mai 2022,

Ihr Hans-Josef Fell