Liebe Leserinnen und Leser,

Der fränkische Wald stirbt

Am 12.7.2019 titelte die Main-Post auf der ersten Seite: Viele Bäume in Unterfranken sterben. Schon der Waldzustandsbericht 2018 hatte in der Öffentlichkeit kaum diskutierte alarmierende Zahlen über die Wälder in Deutschland offengelegt. Danach ging es dem Wald noch nie so schlecht. Nur noch 28% aller Waldbäume lassen keine Schäden erkennen.

In diesem Frühjahr war ich sehr erschrocken, wie viele Bäume in den Wäldern meiner fränkischen Heimat völlig abgestorben sind. Beim Spaziergang durch die Wälder und selbst nur mit dem Blick aus dem Auto ergeben sich augenfällige Schadensbilder. Man braucht nur auf der A7 durch Franken zu fahren, besonders in der Rhön und im Gramschatzer Wald sieht man viele tote und todkranke Fichten, Lärchen, Kiefern, Birken, Buchen, Eichen und selbst viele Büsche im Straßenbegleitgrün sind abgestorben. „Unterfranken, von Haus aus die wärmste Ecke Bayerns, steht im Zentrum des Geschehens und könnte Vorreiter der Entwicklung sein“, so Olaf Schmidt, Präsident der Bayerischen Wald- und Forstwirtschaft in Freising. Allein im Würzburger Stadtwald gibt es mit 5000 toten Bäumen auffallend hohe Trockenschäden.

Im ersten Halbjahr 2019 mussten in Bayern rund 4 Millionen Festmeter Schadholz wegen Trockenheit, Sturm, Schneebruch und Insektenbefall geschlagen werden, im ganzen Jahr 2018 waren es 6,5 Millionen Festmeter. Das Baumsterben hat 2019 also in ganz Bayern erheblich zugenommen.

Ursachen sind die schädlichen Emissionen aus mit Erdgas, Erdöl, Kohle betriebenen Verkehrsmittel, Heizungen, Industrieanlagen, Kraftwerken, sowie aus der Landwirtschaft. Sie schädigen den Wald indirekt mit Klimagasen wie CO2 und Methan, da sie die Erde aufheizen. Infolgedessen kommt es zu Hitzeperioden und Trockenzeiten, was wiederum die Bäume schwächt. Zudem verbreiten sich Baumschädlinge infolge der Erderwärmung rasant. Borkenkäfer oder Schwammspinner geben den geschwächten Bäumen den Rest. Zusätzlich nehmen Waldbrände in den Trockenzeiten und sturmbedingte Windbrüche in Deutschland zu. Es sind aber nicht nur die Klimagase, sondern auch Luftschadstoffe wie Stickoxide, Feinstaub und andere, die aus Abgasen und aus der Landwirtschaft, vor allem der Massentierhaltung kommen, die direkt schädigend auf die Bäume einwirken.

Schon einmal begann der deutsche und europäische Wald zu sterben. In den 80er Jahren hatte eine Übersäuerung mit Stickoxiden und Schwefel aus den Kraftwerken und Autos ein Waldsterben angestoßen. Schnell wurden in den achtziger Jahren Filter eingebaut um einen größeren Teil dieser Schadstoffe zurück zu halten. Schon damals gab es eine Diskussion, dass dies nicht ausreicht, weil damit ja die Klimagase nicht zurückgehalten werden. Es wäre schon damals besser gewesen die Kraftwerke durch Erneuerbare Energien zu ersetzen, statt sie mit Filtern auszustatten. Genauso wie den Autos eben keine Katalysatoren zu geben, sondern gleich auf Nullemissionsautos mit Ökostrom und Ökowasserstoff zu setzen. Heute sehen wir, dass diese wenigen Mahner Recht hatten. Jetzt stirbt der Wald, trotz Entschwefelung der Kraftwerke und Autokatalysatoren, eben an ihrem CO2-Ausstoß, der die Erdüberhitzung bewirkt.

Dieser für Bäume tödliche Mix aus Erderwärmung, Trockenheit, Hitze, Luftschadstoffen und Baumschädlingen führt nun zu einem Absterben ganzer, am Anfang noch kleinerer, Waldflächen. Doch nichts wird getan. Sowohl wirklicher Klimaschutz mit Nullemissionstechniken as auch eine flächendeckende Biolandwirtschaft ohne Massentierhaltung sind noch weit von ihrer Verwirklichung entfernt. Die heute diskutierte CO2-Steuer wird vielleicht in einigen Jahren mit geringer Emissionssenkung eine gewisse Wirkung erzielen, aber das Waldsterben in den nächsten Jahren mit Sicherheit nicht aufhalten können. Eben weil sie nicht zu einer Nullemissionswirtschaft führen kann und ihre Verfechter dies auch gar nicht fordern.

Die Folgen werden verheerend sein. Die infolge der Trockenzeiten schon beginnenden Sorgen der Wasserversorger nehmen dann rasant zu. „Die humosen Böden von Buchenwäldern in Unterfranken generieren etwa 180 Liter Wasser pro Quadratmeter. Wenn sie verschwinden, fehlt uns diese wichtige Quelle“, so Förster Peter Nauman im Interview mit der Main-Post.

Die Sauerstoffproduktion wird massiv verringert. Die Forst- und Holzwirtschaft mit über einer Million Arbeitsplätzen wird, nachdem sie das letzte tote Holz abgeräumt hat, deutlich geschwächt werden. Schon heute können viele Waldbesitzer nicht mehr rentabel arbeiten, wegen des Holzpreisverfalles infolge der Holzschwemme durch absterbende Bäume und Windbruch. Der Wald wird seine Funktion als Kohlenstoffsenke verlieren und so wird sich die Erde weiter erhitzen. Es ist sehr wichtig, aber es genügt nicht, gegen die Abholzung der tropischen Regenwälder anzugehen, wie es viele Naturschützer und selbst Entwicklungsminister Müller kürzlich in Brasilien forderten.

Auch in Deutschland muss endlich ein massives Waldschutzprogramm aufgebaut werden. Dies beinhaltet eben nicht nur Aufforstungen mit wärme- und trockenresistenten Sorten. Es braucht zusätzlich endlich eine Agenda für eine Nullemissionswirtschaft, mit Windkraft, Solarenergie, Biogas aus nachhaltigem Pflanzenanbau, mit Wasserkraft und Geothermie. Mit Nullemissionsautos und Nullemissionsheizungen, mit flächendeckendem biologischem Anbau und einem Ende der Massentierhaltung.

Wer also den Stopp der Regenwaldabholzung in der Ferne fordert, muss auch zu Hause für den notwendigen Waldschutz kämpfen. Dazu müssen eben auch Windräder in die Wälder, PV-Anlagen auf die Felder, neue fischfreundliche Wasserkraft- und Biogasanlagen mit Pflanzenmaterial aus Blühwiesen gebaut werden. Große Teile der Naturschützer haben seit Jahrzehnten nicht sehen wollen, dass ihr Kampf z.B. gegen die Windkraft vor Ort in ihrem Wald, zum vermeintlichen Schutze der Vogelarten genau dazu führt, dass es diesen Wald bald nicht mehr geben wird. Jetzt sind wir soweit.

Ja, schlimmer noch, alle Gegner der Erneuerbaren Energien, die nur den Schutz ihrer klimazerstörenden fossilen Wirtschaftsmodelle im Sinne haben, haben immer die Argumente vieler Naturschützer, insbesondere gegen die Windenergie, als willkommene Unterstützung benutzt. So hat erst kürzlich der russische Präsident Putin, der sein ganzes Machtimperium auf die Einnahmen von Erdöl, Erdgas, Kohle und Atomkraft stützt, die typischen Argumente von Naturschützern benutzt, um gegen die Windkraft zu hetzen.

Dabei sind die Argumente, dass Windkraft mit Natur- und Artenschutz nicht zusammenpassen, längst widerlegt. Eine neue Broschüre des BWE zeigt dies eindrucksvoll auf. Vielleicht begreifen mit dem Absterben der Wälder auch in Deutschland endlich viele Naturschützer, dass ihr Kampf gegen die Windkraft im Wald genau zu den Sargnägeln für den deutschen Wald gehörte. Nur dann ist es zu spät.

Überall brauchen wir neue Denkweisen und ein anderes Handeln. Wir müssen uns orientieren an Menschen, die gegen den Mainstream denken, die 100% Erneuerbare Energien fordern und, die eine neue Art der Waldwirtschaft vorschlagen, fernab von industriellen Methoden. Wir sollten vom alternativen Nobelpreisträger und Waldmacher Tony Rinaudo lernen, er hat es geschafft in der einst trostlosen, vertrockneten Sahelzone in Niger, Millionen Bäume aus alten Wurzelstöcken wieder zum Wald zu machen. Seine Methode wird heute erfolgreich in über 24 afrikanischen Ländern angewandt. Ich weiß es nicht, aber vielleicht brauchen wir auch in meiner fränkischen Heimat seine und andere Methoden, um nach dem Waldsterben wieder neue Wälder schnell hochzuziehen.

Berlin, 18. Juli 2019

Ihr Hans-Josef Fell