Biogas statt Erdgaskraftwerke: Die Haydauer Erklärung

Noch immer will Wirtschaftsministerin Katherina Reiche an den Ausschreibungen neuer Erdgaskraftwerke festhalten, obwohl die Erdgasversorgung der Welt höchst unsicher ist und die Erdgaspreise erneut massiv gestiegen sind. Erdgas auf dem Weltmarkt einzukaufen ist zu einem geopolitischen Risiko geworden. Schon der Bau neuer LNG-Terminals nach der Erdgaskrise infolge des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine war ein großer Fehler, da dies in eine Abhängigkeit von LNG aus den USA führte. Präsident Trump verunsicherte die ganze Welt und auch die Europäer, sodass zu befürchten ist, dass er die EU-Abhängigkeit von US-Erdgas eines Tages auch als Erpressung nutzen könnte.

Ministerin Reiche will nun Erdgas aus anderen menschenrechtsverletzenden Regimen beziehen

In ihrer Verzweiflung schlägt sie Langfristverträge über Erdgaslieferungen mit anderen autokratisch regierten Ländern wie Aserbaidschan, Argentinien oder Algerien vor, wie der Tagesspiegel Background am 31.3.2026 berichtete.

In Argentinien regiert mit Javier Milei einer der schlimmsten Rechtsaußen-Politiker und ein erklärter Trump-Bewunderer. Ausgerechnet ihn ökonomisch zu stärken bedeutet, seine unterdrückende und menschenverachtende Politik zu unterstützen.

Aserbaidschan wiederum ist bekannt als Regierung, die große Korruptionsaktivitäten unternimmt, um ihre Erdgas- und Erdölinteressen zu stärken. Eduard Lintner, der jahrelang mit Reiche in der Unionsfraktion Politik machte, wurde erst vor Kurzem verurteilt, weil er Korruptionsgelder aus Aserbaidschan angenommen hatte.

Quelle: Hans-Josef Fell, 01.08.2025

Dabei können Biogas, Wasserkraft, Speicher und andere Maßnahmen die Erdgaskraftwerke rasch ersetzen.

Es ist zunehmend unerträglich und nicht mehr nachvollziehbar, dass Ministerin Reiche an den neuen Ausschreibungen für Erdgaskraftwerke festhält, obwohl es genügend heimische und deutlich günstigere Alternativen gibt: die Flexibilisierung von Biogas- und Wasserkraftanlagen, der Ausbau großer Speicher sowie Anreize für Stromkundinnen und Stromkunden, endlich mit flexiblen Tarifen den Ausgleich der schwankenden Erzeugung von Wind- und Solarstrom mitzuorganisieren.

Am 28. März verabschiedeten die sogenannten „Flexperten“ die Haydauer Erklärung, die klar beschreibt, wie stark die Flexibilisierung bestehender und neuer Biogasanlagen Erdgaskraftwerke ersetzen kann.

Die Flexperten sind ein Netzwerk innovativer Biogasanlagenbetreiber, die ihre Anlagen bereits vorbildlich flexibilisiert haben. Das bedeutet, dass sie ihre Leistung zur Stromerzeugung meist verdreifacht haben und ihre Biogasanlagen nun überwiegend im Winter betreiben, wenn der Wärmebedarf hoch ist. Im Sommer werden die Anlagen abgeschaltet. Dadurch schaffen sie im Netz mehr Platz für Solarstromeinspeisung, während sie im Winter den schwachen Solarstrom ausgleichen. So schaffen wir in Deutschland die notwendige Flexibilisierung – ohne viel teurere Erdgaskraftwerke, die zudem das Erdgas von autokratischen und unsicheren Regimen beziehen müssten.

 

Hier die Haydauer Erklärung im Wortlaut:


Klausurtagung/Masterclass 2025 Flexperten – Kloster Haydau, am 27./28. März 2026
Gemeinsames Statement der Tagungsteilnehmer aus der Biogaswirtschaft:

Haydauer Erklärung 2026

Die Energiewende kommt in eine entscheidende Phase ein. Der Ausbau von Wind- und Solarenergie geht voran. Doch die Versorgungssicherheit durch steuerbare und flexible Leistung bleibt eine zentrale Herausforderung für ein stabiles Energiesystem.

Aktuelle geopolitische Energiekrisen und energiepolitische Entwicklungen zeigen, wie wichtig eine möglichst auf importunabhängige Erzeugung gestützte und verlässliche Energieversorgung für unsere Wirtschaft ist.  Gleichzeitig sind zentrale Weichenstellungen – von Gesetzesinitiativen bis hin zu regulatorischen Entwürfen – nicht darauf ausgerichtet.

Vielmehr werden Rahmenbedingungen geschaffen, die den Ausbau einheimisch gesicherter regelbarer Leistung offenbar aktiv behindern, während ineffiziente fossile Strukturen sogar ausgebaut werden – ein Ausdruck eines anhaltenden Strukturkonflikts, durch den der notwendige Transformationsprozess zu einem resilienten, klimafreundlichen und modernen Energiesystem in zentralen Bereichen erkennbar ausgebremst wird.

Biogas-Speicherkraftwerke verbinden Versorgungssicherheit, Klimaschutz, Wärmeerzeugung und regionale Wertschöpfung. Sie sind kurzfristig verfügbar, technologisch erprobt und systemdienlich einsetzbar. Dennoch werden ihre Potenziale derzeit nicht ausgeschöpft.

Im Gegenteil soll nach bisherigem Entwurfsstand des EEG das Ausschreibungsvolumen für gesicherte Leistung von Biogasanlagen um mehr als 60 % reduziert werden!

Damit würden etwa 80 % der inländischen Gewinnung von Biogas stillgelegt. Es würden der Landwirtschaft etwa 6 Mrd. Wertschöpfung verloren gehen, also etwa 20 % des Produktionswertes im Ackerbau. Das wäre für Landwirte und den ländlichen Raum ein Aderlass historischen Ausmaßes.

Deshalb:

1. Gesicherte erneuerbare Leistung vor fossilen Gaskraftwerken priorisieren – nicht umgekehrt!

Bioenergie ist bereits heute Teil der Kraftwerksstrategie. Sie stellt gesichert, flexibel abrufbar Strom und Wärme bereit – schneller, dezentraler und sofort vollständig erneuerbar. Mit weiteren BHKW zu Speicherkraftwerken ausgebaut, stärken dezentrale Biogasanlagen die Resilienz des Energiesystems, vermeiden neue fossile Importabhängigkeiten und sind kurzfristig verfügbar.

Der weitere Aufbau fossiler Gaskraftwerke ist nicht erforderlich, wenn gleichzeitig mit flexiblen Biogasanlagen auch die großen Flexibilitätspotentiale von Wasserkraft, Geothermie und Speichertechnologien genutzt werden.

Die vorgesehenen Mittel der Kraftwerksstrategie müssen zuerst konsequent in den Ausbau erneuerbarer, gesicherter Leistung – insbesondere Biogas – umgelenkt werden. Nur so entsteht Investitionssicherheit und ein konsistenter Pfad zu einem vollständig klimaneutralen Energiesystem.

2. Vergütung und Finanzierung auf die Vielfalt und Systemleistung ausrichten

Bioenergie erfüllt ihre systemdienliche Rolle bereits heute in einer großen Bandbreite von Anlagenkonfigurationen. Dieses Potenzial wird mit dem bestehenden Ausschreibungsdesign nicht vollständig ausgeschöpft.  In den kommenden Jahren fallen 80 % der bestehenden Anlagen aus der Förderung und brauchen eine weitere Perspektive. Mit einem Ausschreibungsvolumen nur 500 MW installierter Leistung, die aber nur in den Zeiten von EE-Mangel laufen, würde der größte Teil der Biogaserzeugung stillgelegt.

Das Ausschreibungssystem muss daher so weiterentwickelt werden, dass nicht nur installierte Leistung, sondern effektive, systemdienliche Leistung im Wettbewerb bezuschlagt wird. Ein geeigneter Ansatz ist die Berücksichtigung eines Leistungsfaktors, der die tatsächlich bereitgestellte Flexibilität im Verhältnis zur Energiemenge abbildet.

Eine Versorgungssicherheitsumlage zur Deckung des Flexibilitätszuschlages ermöglicht zukünftig verursachergerecht eine verlässliche Finanzierung von gesicherter erneuerbarer Leistung, schafft damit Investitionssicherheit und entkoppelt den Ausbau gesicherter Leistung von bestehenden Budgetgrenzen. Bei jeglicher Ausgestaltung von neuen Instrumenten ist ein klarer Fokus auf Sektorkopplung, lokale Versorgungssicherheit und Systemintegration zu legen.

3. Flexible Speicherkraftwerke mit Vorrang ans Netz anschließen

Der Umbau zum Speicherkraftwerk beendet bisherige Dauereinspeisung. Das entlastet das Netz, es erspart Redispatchkosten und verringert den Druck auf den Netzausbau. In kapazitätslimitierten Netzgebieten stehen Biogasanlagen mit mehr als 2 GW Kapazität, die durch flexiblen Betrieb die Nutzung von dargebotsabhängigen erneuerbaren Energien ermöglichen sowie die Kosten für Abregelung und die noch teurere Aufregelung ersparen können.

Trotzdem ist die Blockade der Netzanschlüsse durch die Netzbetreiber das größte praktische Ausbauhemmnis für flexible Speicherkraftwerke.

In den bestehenden Verfahren fehlt der konsequente Fokus auf die Systemdienlichkeit von Anlagen. Speicherkraftwerke, die gezielt zur Versorgungssicherheit beitragen, werden nicht nach ihrem systemischen Nutzen bewertet und priorisiert.

Netzanschlussverfahren müssen daher konsequent auf den Beitrag zur Systemstabilität ausgerichtet werden. Speicherkraftwerke sind dabei vorrangig zu behandeln. Ergänzend sind transparente Informationen über Netzkapazitäten, Bereitschaft zu flexiblen Einspeisevereinbarungen, sowie eine verbesserte Koordination der beteiligten Akteure erforderlich.

4. Speicherkraftwerke als tragendes Fundament der Wärmewende vor Ort ausbauen

Die Wärmewende wird jetzt vor Ort entschieden.

Biogasanlagen bieten bereits heute ideale Voraussetzungen für den Aufbau wirtschaftlicher und klimaneutraler Wärmenetze. Mit der Weiterentwicklung zu Speicherkraftwerken sind sie das Schlüsselelement der Sektorkopplung und liefern die gesicherte Leistung innerhalb dieser Systeme.

Insbesondere im ländlichen Raum entstehen so stabile und bezahlbare Wärmeversorgungssysteme, die regionale Wertschöpfung sichern und gleichzeitig neue Investitionsimpulse für den Mittelstand setzen. Erneuerbar gespeiste Wärmenetze mit Bioenergie werden damit zu einem zentralen Treiber wirtschaftlicher Entwicklung und regionaler Energiewende.

5. Flexible erneuerbare Leistung sichert 100 % klimaneutrale Energieversorgung

Die Energiewende hat einen entscheidenden Punkt erreicht. Mit dem bereits heute erreichten Anteil von rund 60 % erneuerbarer Stromerzeugung ist der dringend nötige Kohleausstieg in Sichtweite, aber wird nur mit einer Ausbaubeschleunigung von gesicherter erneuerbarer Leistung möglich.

Alle Akteure, die den Ausbau erneuerbarer Energien vorantreiben, stehen vor der gemeinsamen Aufgabe, jetzt die Voraussetzungen für ein vollständig erneuerbares Energiesystem zu schaffen. Dezentrale Speicherkraftwerke übernehmen dabei eine zentrale Funktion: Sie sichern die Residuallast, stabilisieren das Stromsystem und ermöglichen die Integration sowie Sektorkopplung aller weiteren erneuerbaren Technologien.

Speicherkraftwerke sind ein Schlüsselelement der Sektorkopplung in einem vollständig klimaneutralen Wirtschaftssystem. Tatsächlich ist die heute schon vorhandene Strommenge aus Bioenergie ausreichend, um Mitte der Dreißigerjahre den Großteil der Versorgung zu sichern, wenn sie konsequent zur Residuallastdeckung eingesetzt wird. Durch den weiteren Aufwuchs der EE können Speicherkraftwerke dafür sorgen, dass fossile Kraftwerke nur noch als selten genutzte Sicherheitsreserve dienen müssen.

Kernbotschaften

Speicherkraftwerke sind kein ergänzender Baustein – sie sind eine wesentliche Voraussetzung für das Gelingen der Energiewende.

In zeitlicher Ergänzung zur Einspeisung von Strom aus Wind, PV und Stromspeichern verbinden sie Versorgungssicherheit, Klimaschutz, Wärmewende und regionale Wirtschaftskraft. Die Technologie ist verfügbar, die Lösungen sind vielfach erprobt.

Mehrere Studien zeigen, dass der gleichzeitige Nutzen von gespeichertem Strom aus Biomasse in regelbaren hocheffizienten Anlagen mit vielfachen Komplementär-Effekten unter dem Strich um viele Milliarden Euro kostengünstiger ist als jede Lösung ohne Sektorenkopplung.

Die inländische Erzeugung von Bioenergie kompensiert die volkswirtschaftlichen Bremsspuren nachlassender Exportüberschüsse und stabilisiert die Konjunktur.

Biogas-Speicherkraftwerke sind auch in Krisenfällen und bei internationalen Konflikten die sichere Lösung und vermeiden volkswirtschaftlich extrem teure und wachstumsschädliche Preisschocks. Derzeit erleben wir schon die zweite Krise der Importenergien in diesem Jahrzehnt.

Jetzt kommt es darauf an, die politischen und regulatorischen Rahmenbedingungen konsequent auf den schnellen Ausbau von Speicherkraftwerken auszurichten.