Das sind die eigentlichen Lehren aus dem Terroranschlag auf ein Stromkabel in Berlin und dem daraus resultierenden Blackout
Gastbeitrag von HJF zuerst veröffentlicht bei Greenspotting:
Alle Welt schimpft auf die Terroristen, die in Berlin ein Stromkabel anzündeten. Doch niemand fragt, wer Schuld daran hat, dass dadurch überhaupt zigtausende Menschen auf einmal tagelang ohne Strom waren. Eine schonungslose Analyse von Hans-Josef Fell.
Blackout nach Terroranschlag auf Stromkabel in Berlin: Der tagelange Ausfall der Stromversorgung für zigtausend Bewohner hätte verhindert werden, wenn die Politik in den vergangenen 15 Jahren richtig gehandelt hätte und nicht den Interessen der fossilen Wirtschaft gefolgt wäre
Viele Menschen in Berlin mussten in den vergangenen Tagen am eigenen Leib erleben, wie schlimm ein tagelanger, regionaler Stromausfall gerade im Winter ist. Damit rückte ins Bewusstsein, wie verheerend ein langandauernder flächendeckender Stromausfall sein würde. Die Erkenntnis selbst ist jedoch nicht neu, sondern fast eineinhalb Jahrzehnte alt. Denn ein solches Szenario wurde längst beschrieben – im berühmten Bericht des Bundestagsbüros für Technikfolgenabschätzung (TAB), den der Deutsche Bundestag 2011 verfassen ließ. So sehr dieses Szenario in Vergessenheit geraten ist, so sehr legt der Terrorakt in Berlin unbeabsichtigt das zentrale Versäumnis der vergangenen Jahre offen, ohne die der Brandanschlag auf ein Stromkabel in der Hauptstadt nie eine solche Wirkung entfaltet hätte.
Dezentrale Stromversorgung als Schutzschild gegen Blackouts
Ich hatte als Berichterstatter des TAB nämlich schon damals darauf hingewiesen, dass die Achillesferse der deutschen Stromversorgung ihre zentrale Struktur ist. Ein Umbau der Stromversorgung auf versorgungssichere dezentrale Strukturen mit einer Stromerzeugung auf Basis Erneuerbarer Energien hätte diese Achillesferse beseitigt. Sie wurde als entscheidende Lösung erachtet, um Blackouts wie jetzt in Berlin zu vermeiden oder abzumildern. Dazu wurde vorgeschlagen, in einem ersten Schritt vorrangig kritische Einrichtungen wie Krankenhäuser, Banken, Wasserwerke, Mobilfunkanlagen u.a. schnell auf eine eigene Versorgung mit 100-prozentig dezentral erzeugten Erneuerbaren Energien umzustellen. Im Anschluss sollte auf gleiche Weise die Stromversorgung von Häusern und Unternehmen umgestellt werden.
Wirtschaftsministerin Katharina Reiche, die große Verhinderin
Doch genau das blieb als strategisches politisches Ziel aus. Statt dessen wurden weiter große Kraftwerke und Stromleitungen gebaut und der Ausbau der Erneuerbaren Energien ab 2012 unter der Verantwortung der damaligen Staatssekretärin, späteren Energiekonzern-Managerin und heutigen Wirtschaftsministerin Katharina Reiche (CDU) massiv gedrosselt.
Ein Beispiel ist für zentrale Kraftwerke das hauptsächlich mit Erdgas betriebene Heizkraftwerk Lichtenberg. Es versorgt mit einer Stromleitung, die über den Teltowkanal führt, nahliegende Ortsteile in Berlin. Terroristen hatten dieses Stromkabel angezündet mit der Folge, dass für 45 000 Haushalte tagelang der Strom ausfiel, weil der zentral erzeugte Strom aus dem Heizkraftwerk Lichtenberge nicht in die Haushalte gelangen kann. Die weitaus meisten Haushalte haben ja keine eigene Stromversorgung. Schon vor einem halben Jahr wurden rund 45 000 Haushalte im Berliner Adlershof von einem ähnlichen durch Terror verursachten Blackout geschädigt. Für die Betroffenen ist das bitter: Denn kein Strom bedeutet: kein Heizen, kein Kochen, kein Licht, keine Toilettenspülung und wenn der Akku leer ist, auch kein Handy.
Unverantwortlich: 45 000 Haushalte an einer Stromleitung
Nun ist die Kritik und die Schuldzuweisung groß. Netzbetreiber hätten zu wenig Resilienz aufgebaut, hieß es schnell. Offenlegungspflichten hätten für Terroristen die Schwachstellen leicht auffindbar gemacht. Doch wo bleibt die Kritik daran, dass die Folgen solcher Anschläge nur deshalb so verheerend waren, weil eineinhalb Jahrzehnte lang der dezentrale Ausbau der Erneuerbaren Energien mit Speichern verschleppt wurde? Und das obwohl dies schon 2011 gefordert wurde. Solaranlagen, Batteriespeicher, ergänzt im Winter mit dezentralen kleinen Blockheizkraftwerken, die sowohl Strom als auch Wärme liefern: Dies hätte je nach Dimensionierung der Eigenerzeugung bei einem Anschlag wie jetzt den Hausbesitzern wenigsten eine minimale Stromversorgung auch im Winter ermöglicht.
Solaranlage, kleines Blockheizkraftwerk, Autobatterie – voilà
Ich weiß wovon ich rede: Ich habe seit Dezember 2020 meinen Anschluss an das öffentliche Stromnetz abgeschaltet. Meine Solaranlage, ein kleines Blockheizkraftwerk betrieben mit Pflanzenöl und Stromspeicher im Keller sowie die Möglichkeit, die Batterie in meinem Elektroauto auch für den Haushalt anzuzapfen, geben mir eine Versorgungssicherheit, die die betroffene Berliner sich alle gewünscht hätten. Wenn in meiner Gemeinde das Netz einen Blackout haben sollte, bliebe meine eigene Strom- und Wärmeversorgung davon unberührt und ginge problemlos weiter, so wie in den vergangenen vier Jahren schon ohne Netzanschluss.
Nur mit dem Mobilfunk würde es trotz geladener Handybatterie Probleme geben, wenn der Mobilfunkmast in der Nähe auch keinen Strom hat. Doch das genau passiert ausschließlich deshalb, weil auch die Mobilfunkbetreiber keine eigene sichere Stromversorgung an ihren Masten aufgebaut haben – mit Hilfe von Solartechnik, Batterien und Kleinwindanlagen sowie mit Kleingeneratoren für den Fall der Dunkelflaute, wenn zu wenig Wind weht und zu wenig die Sonne scheint.
Fossile Wirtschaft hat ihre Interessen durchgesetzt
Das wirft, ausgelöst von dem Terroranschlag in Berlin, die Frage auf, warum in den vergangenen 15 Jahren die Empfehlungen der Bundestagskommission nicht umgesetzt wurden, eine resiliente, also wenig für Störungen anfällige, dezentrale Stromversorgung ergänzend zum öffentlichen Netz aufzubauen. Die Antwort lautet: Die fossile Wirtschaft hat ihre Interessen politisch durchgesetzt und größere Versorgungssicherheit mit Erneuerbaren Energien verhindert.
Der Ausbau der Erneuerbaren Energien sei ja viel zu teuer, lautete das Mantra der Kohle-, Öl- und Gaskonzerne. Deshalb haben sich Mobilfunkbetreiber beispielsweise eine blackout-sichere Stromversorgung an den Funkmasten gespart. Lediglich Krankenhäuser und wenige Infrastruktureinrichtungen haben Notstromaggregate, die aber in einem langandauernden flächendeckenden Stromausfall auch nicht länger als ein paar Tage Strom liefern können, weil dann der Diesel ausgeht, da die Dieselpumpen an den Zapfsäulen im Blackout ja auch keinen Strom haben.
Kampagne der Konzerne erlebt neuen Höhepunkt
Die Aktivitäten von Solarinitiativen, die seit Jahrzehnten um eine dezentrale Stromversorgung kämpfen, liefen weitgehend ins Leere, weil die fossile Wirtschaft (zum Beispiel die Erdgaskraftwerksbetreiber) für den Bestandschutz ihrer zentralen Versorgungsstrukturen die Politik lobbyiert haben, dezentrale Lösungen zu verhindern. Diese Kampagne ist nicht vorbei, sondern erlebt gerade sogar einen neuen Höhepunkt: Massenhaft verweigern Netzbetreiber, insbesondere aus dem E.ON Konzern, neue Netzanschlüsse für Solaranlagen, Windrädern, Batterien und Biogasanlagen.
Die Möglichkeit dazu liefert die Politik in Berlin, die bis heute nicht die sogenannte Energy Sharing Richtlinie der EU in deutsches Recht umgesetzt hat. Mit Hilfe dieser Verordnung sollen Haubesitzer und Mieter untereinander Strom austauschen können, den sie gemeinsam als Nachbarn oder in ganzen Quartieren selbst erzeugen. Mit eigenen Leitungen würden sie so auch den Schaden eines Stromausfalls in überregionalen Netzen für sich abwenden können. Doch das stört die zentralen Energiekonzerne, weil sie solchen Kunden dann kaum mehr Strom verkaufen können, da diese Kunden dann auf Dauer immer mehr zur eigenen Stromversorgung in der Lage wären.
Kommunen in Österreich machen es vor
Nun haben sicherlich auch in Lichterfelde viele Hausbesitzer eigene Solaranlagen und sogar Batterien im Keller. Doch die relativ geringen Mehrkosten, die man für eine Elektronik aufwenden muss, um den Strom vom Hausdach auch bei einem Netz-Blackout im Haus verfügbar machen, haben sich viele gespart – und saßen nun trotz Solaranlage und Batterie im Dunkeln. Es gibt Beispiele in österreichischen Kommunen, die eine kommunale Blackout-Sicherheit bereits seit Jahren aufgebaut haben: Solaranlagen, örtliches Windrad, Pflanzenöl-Blockheizkraftwerk, Wasserkraft wo vorhanden und andere Formen der eigenen Stromversorgung. So hat zum Beispiel Stubenberg in der Oststeiermark seit vielen Jahren mit örtlich erzeugtem Ökostrom einen Blackout-Schutz für alle Gemeindemitglieder verwirklicht.
Höchste Zeit, sich die zunehmenden Gefahren bewusst zu machen
Ich kann die Sorglosigkeit von Politik und die Verantwortungslosigkeit der fossilen Energiekonzerne mit der Behinderung des Ausbaus dezentraler resilienter Erneuerbare-Energien-Systeme nicht mehr begreifen. Der Schaden, den sie mit diesen jahrzehntelangen Behinderungen der Erneuerbaren Energien schafften, wird durch den Anschlag in Berlin sichtbar, der ohne dieses Versäumnisse nie diese schlimme Wirkung gehabt hätte. Dennoch spricht auch jetzt kaum ein Politiker, kaum ein Verantwortlicher von der Möglichkeit, Versorgungssicherheit mit dezentralen Erneuerbare Energien zu schaffen und Anschläge wie in Berlin auf diese Weise so ziemlich ins Leere laufen zu lassen.
Es ist höchste Zeit, dass sich alle der zunehmenden Gefahren bewusst sind: Es werden zunehmende Blackouts nicht nur durch Terroristen mit Brandanschlägen oder Cyberangriffen kommen. Extremwetterereignisse nehmen zu und damit verbunden Unterbrechungen der Stromversorgung nach Stürmen, Waldbränden, Hitzewellen und Überschwemmungen, weil Kraftwerke oder große Leitungen im Extremwetter zerstört wurden. Auch die Kriegsgefahren nehmen zu, wie wir weltweit sehen können. Was zentrale Energieversorgung in Kriegszeiten bedeutet, müssen die Menschen in der Ukraine aushalten: zerschossene zentrale Energieinfrastruktur, Leitungen, Kraftwerke, Staudämme. In der Ukraine gibt es aufgrund der russischen Attacken auf die Energieversorgung zur Zeit nur wenige Stunden Strom am Tag – und dies im tiefen kalten Winter, in manchen Regionen gar langandauernde flächendeckende Blackouts.
Krieg in der Ukraine zwingt zu resilienterer Stromversorgung
Ich unterstütze gerade einen Ausbau einer dezentralen ganzjährigen versorgungssicheren Energieversorgung in der Ukraine. Sie wird den russischen Raketen und Drohnen wesentlich weniger Angriffsflächen bieten: dezentrale Solaranlagen, Windkraft am Dorf, Pflanzenöl- oder Biogas- Blockheizkraftwerke. Die Nachfrage dort ist auf Grund der Not immens. Solaranlagen und Batterien können oft 80 Prozent der nötigen Jahresenergie liefern. Doch im kalten dunklen Winter brauchen sie eine sichere Ergänzung, zum Beispiel Blockheizkraftwerke mit örtlich verfügbarem Pflanzenöl oder Biogas betrieben. Das Problem ist, dass es außer bei Solaranlagen und Batterien viel zu wenige Lieferanten gibt, die vor allem eine gute Technologie wie pflanzenöltaugliche Generatoren liefern können. Pflanzenöl liegt im Agrarland Ukraine meist unverkäuflich auf Halde, ist im Vergleich zum fossilen Diesel billig. Erdöldiesel ist zudem sehr knapp und wird zum Teil sogar noch aus Russland importiert, was die Kriegskassen Russlands füllt.
Die Gesellschaft muss endlich begreifen
Die Lösungen liegen oft dort, wo kaum jemand sie vermutet. Die Ukrainer beginnen aus der Not zu verstehen, dass die Versprechungen ihrer Oligarchen, nur Strom aus Atomkraft, Kohle, Erdgas sei günstig und versorgungssicher, eine dramatische interessensgeleitete Fehlinformation ist.
Wann endlich begreift die Gesellschaft auch bei uns, dass Versorgungsicherheit nicht mit großen zentralen Energiestrukturen, wie das Erdgasheizkraftwerk in Lichterfelde zu bekommen ist, sondern nur mit dezentralen Erneuerbaren Energien und Speichern?
