Warum ich die Letzte Generation unterstütze

In den letzten Wochen hat die gesellschaftliche Kritik an den Klimaschützern der Letzten Generation massiv zugenommen. Nun haben über 1300 Kulturschaffende unter dem Motto „Klimaschutz ist kein Verbrechen“ eine starke Erklärung unterschrieben, die sie in Schutz nimmt. Auch viele Vertreter der evangelischen Kirche unterstützen die Forderungen der letzten Generation nach einem Tempolimit aktiv . Auch ich habe die Letzte Generation nun schon mehrfach öffentlich unterstützt, nun auch mit einer größeren Spende an ihre gemeinnützig anerkannte Bildungsarbeit. Hier sind meine Gründe:

Als ehemaliges Mitglied des Bundestags und einer der Initiatoren des weltweit zum Vorbild erklärte Erneuerbare Energien-Gesetzes setze ich mich seit über 20 Jahren dafür ein, 100 % Erneuerbare Energien für Deutschland bis 2030 zu erreichen, um möglichst unter einer Klimaerhitzung von 1,5 Grad Celsius zu bleiben. Wie Wissenschaftler in einer Studie der von mir gegründeten Energy Watch Group modelliert haben, ist dies technologisch und wirtschaftlich machbar – wenn Politik und Gesellschaft bereit sind, das jetzige fossile Energiesystem zu dezentralisieren und demokratisieren.

In dieser Zeit habe ich immer wieder meine eigenen Erfahrungen mit der fossilen Lobby gemacht, die kein Interesse an ambitioniertem Klimaschutz hat, weil es ihr zentralistisches und hoch profitables Geschäftsmodell mit fossilen Energien zerstören würde. Ich habe Erfahrungen gemacht, wie gut organisierte und mit Abermillionen fossiler Gelder ausgestattete Lobbyisten ihre Unterstützer in Medien, Verbänden und Politik beeinflussen.

Mich erinnert die Wucht, die nun die Letzte Generation trifft, an die fossil getriebenen Medienkampagnen gegen die wichtigsten Klimaschutzmaßnahmen im letzten Jahrzehnt. Damals gab es eine ganze Welle von Berichterstattungen und Kommentaren gegen Erneuerbare Energien als angebliche Preistreiber – was nicht erst heute, wo erneuerbare Energien die günstige Energieform ist, falsch ist, sondern schon damals war.

Diesmal trifft es die Letzte Generation.

Politiker:innen, insbesondere der Parteien CDU/CSU, FDP und AfD, bezeichnen die Klimaaktivist:innen der Letzten Generation als „Radikale“, „Extremisten“ und gar als „Terroristen“. Zwar distanzieren sich auch Politiker:innen aus SPD und BÜNDNIS90/Grüne mit unterschiedlichsten Begründungen von der Letzten Generation, aber sie blasen nicht zur Hetzjagd und befeuern die Kampagne. Es ist jedoch auffällig, dass gerade jene die Klimaaktivist:innen besonders lautstark diskreditieren, die besonders eng mit dem fossilen Wirtschaftssystem verflochten sind – über Parteispenden, Nebeneinkünfte und politische Netzwerke. Politiker:innen, die den fossilen Konzernen nahe stehen und oft im Interesse dieser aktiv die deutschen und europäischen Klimaschutzziele blockieren.

Wer im fossilen Glashaus sitzt, sollte nicht mit Kohlebrocken werfen

Ein Beispiel: Frank Schäffler, FDP Mitglied, rief nach dem Verfassungsschutz, um die Spenden der Letzten Generation aus „ausländischen Quellen“ zu untersuchen. Interessant. Denn Schäffler ist neben seinem Amt als Bundestagsabgeordneter Vorsitzender der Stiftung Prometheus, die laut Lobbypedia Gelder vom internationalen Atlas Netzwerk bezieht. Dahinter stecken u.a. die Koch Brothers und Exxon Mobile, beide aktive Klimawandelleugner, Finanzierer von Fake News und fossilen Lügengeschichten.

Immer wieder fallen auch Journalisten sowohl der Springerpresse – also Welt und Bildzeitung – als auch anderer Medien auf, die die Letzte Generation menschlich diskreditieren, in Gewaltphantasien gegen die wehrlosen Klimaschützer schwelgen, ihren Anliegen die Berechtigung absprechen und bewusste Zweifel an der Glaubwürdigkeit der Aktivist:innen sähen.

Die Letzte Generation warnt vor wissenschaftlich korrekten Risiken

Als Physiker, jahrzehntelanger Advokat eines wissenschaftlich basierten Klimaschutzes und ehemaligem Bundestagsmitglied ist es für mich besonders inakzeptabel, wenn die Kritiker:innen der Letzten Generation „Weltuntergangsphantasien“ unterstellen. Ich finde es infam, die berechtigte Angst und Verzweiflung junger Menschen, für die eine sichere Zukunft in der Klimakatastrophe immer unwahrscheinlicher wird, als emotionalen Kitt einer „sektenhaften Struktur“ zu diffamieren.

Denn die Klimaschützer der Letzten Generation sagen inhaltlich nichts anderes als tausende Wissenschaftler in mehreren IPCC Reports. Sie äußern sich lediglich genauso drastisch wie der UN-Generalsekretär Antonio Guterres. Auch viele Wissenschaftler wie Hans Joachim Schellnhuber oder Stefan Rahmstorf warnen vor einem möglichen Zusammenbruch der Zivilisation. Vergleichbare Sorgen äußerten so unterschiedliche Organisationen wie das amerikanische Militär, der Weltsicherheitsrat oder der Pabst.

Und auch für mich als Physiker ist völlig eindeutig: Wenn sich die Klimaerhitzung auf über 3°C ausbreitet, drohen uns irreversible, nicht mehr aufhaltbare Katastrophen von Dürren, Überschwemmungen, dem Zusammenbruch weiter Teile der Landwirtschaft und Flucht von Millionen bis Milliarden Menschen, die in Deutschland glimpflicher ablaufen, aber auch hier den Wohlstand und unser Leben in einem Ausmaß verändern, wie wir es uns heute kaum vorstellen können. Kurzum, eine Katastrophe bislang unerlebten Ausmaßes, die das Potenzial hat, die menschliche Zivilisation, wie wir sie heute kennen, zu zerstören.

Es wäre die Aufgabe der Medien, diese frei verfügbaren wissenschaftlichen Fakten zu recherchieren und die Kritik an der Letzten Generation in den Kontext zu setzen.

Die Opfer der letzten Generation sind groß

Denn dann würde verständlicher, warum Menschen ihre berufliche Zukunft aufs Spiel setzen, Gewalt von Autofahrern, Verhaftungen, Gefängnisaufenthalt, Schadensersatzforderungen, Haß und den Verlust von Status in Kauf nehmen.

Die Aktionen der Letzten Generation geschehen doch nicht zum Spaß, sondern weil die Aktivist:innen andere demokratische Mittel – Petitionen, Demonstrationen, Gespräche, Wahlen – bereits ausgeschöpft haben. Sie folgen auf die Erkenntnis, dass der ganze Protest der Fridays-for-Future-Bewegung bislang immer noch genauso wenig ausreichenden Klimaschutz gebracht hat, wie die jahrzehntelangen engagierten Klimaschutzforderungen vieler Nichtregierungsorganisationen.

Die Letzte Generation – zu denen übrigens nicht nur junge Menschen, sondern auch Familienväter- und Mütter, Rentner oder der Jesuitenpater Jörg Alt gehören – benennen das kollektive Versagen der jetzigen Gesellschaft, die dieses Versagen nicht einmal anerkennen will.

Sie fordern eine Umsetzung des Beschlusses des Bundesverfassungsgerichtes ein, wonach die Lebensgrundlagen auch ihrer Zukunft vom Staat geschützt werden müssen. Damit bewegen sie sich voll auf dem Boden unserer demokratischen Verfassung.

Die Mitglieder der Letzten Generation wenden in vollem Bewusstsein und in Akzeptanz der auf sie wartenden Strafen friedlichen zivilen Ungehorsam an, und treten damit in die Tradition von Bürgerrechtsbewegung, Sufragetten und der Freiheitsbewegung der DDR – die übrigens auch von der DDR-Führung als „Extremisten“ verunglimpft wurden, bevor sie später weltweit als Helden der deutschen Einheit gefeiert wurden. Übrigens würde ja auch niemand die aufständischen Frauen im Iran „Extremistinnen“ nennen, die gegen die dort als Recht geltende Scharia verstoßen, um ihre Freiheitsrechte zu verteidigen. Als Extremisten bezeichnen wir hierzulande eher die iranische Staatsmacht und deren willfährige Staatsmedien.

Die Letzte Generation hat auf Grund ihres mutigen gewaltfreien Widerstandes unsere Unterstützung verdient. Ich möchte besonders die ältere Generation ermutigen, sich mit Solidaritätsbekundungen hinter sie zu stellen. Sie haben jede Unterstützung verdient.