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Klimaschutz in Deutschland weiterhin erfolglos und zu schwach

In den letzten Tagen gab es viele Meldungen wonach Deutschland im Klimaschutz doch erfolgreicher sei, als bisher angenommen. Zitiert wurde dabei eine Studie der Denkfabrik Agora Energiewende, wonach im Jahr 2019 die CO2-Emissionen um 50 Millionen Tonnen gesunken seien und damit das nationale Klimaschutzziel einer CO2-Reduktion von 40% gegenüber 1990 doch noch erreichbar sei. 

Auf den ersten Blick erscheint diese CO2-Emissionsreduktion von 50 Millionen Tonnen als Ergebnis einer erfolgreichen Klimaschutzpolitik, so reklamierte es jedenfalls die bisher vollkommen erfolglose Umweltministerin Schulze

Bei näherem Hinsehen entpuppt sich diese Emissionsreduktion aber als Ergebnis anderer Faktoren, die so gut wie gar keine Folgen politischen Handelns sind. Die deutsche Klimaschutzpolitik ist weiterhin desolat und gemessen an den globalen Herausforderungen vollkommen unzureichend.

Blick nach Australien zeigt: Deutsche Klimaschutzziele sind unverantwortlich niedrig

Zunächst muss über die Einordnung des nationalen Klimaschutzzieles der CO2-Reduktion von 40% gesprochen werden. Angesichts einer erschütternden und sich dramatisch zuspitzenden Weltlage, sind ganz andere Handlungen und Ziele erforderlich als das deutsche 40%-Ziel.

So zeigt das Inferno der verheerenden Waldbrände in Australien (eine Fläche größer als Bulgarien ist bereits in wenigen Wochen mitsamt mind. einer halben Milliarde Tiere verbrannt, zehntausende Menschen haben Alles verloren), dass die heutige Erderwärmung von 1,1°C in Teilen der Welt schon unerträgliche Auswirkungen hat. Alle weiteren Emissionen werden die bereits katastrophale Lage noch weiter verschlimmern, nicht nur in Australien. Offensichtlich befinden sich dort weite Regionen schon an einer Art Kipppunkt, nach dessen Überschreitung eine gut funktionierende menschliche Zivilisation auf Dauer nicht mehr möglich sein könnte.

Die wenigen Worte, von Prof. Andrew Blakers aus Canberra, Solarforscher an der Australian National University, die er mir vor wenigen Tagen schickte, lassen das Inferno dort erahnen (übersetzt ins Deutsche):

„Es ist schrecklich. In vielen Orten werden Temperaturrekorde gebrochen. Sydney erreichte heute 49°C. In Canberra brennt es zwar noch nicht, aber erlebte gerade den heißesten jemals gemessenen Tag. Die Luftqualität ist die schlechteste jemals gemessene, sogar die schlechteste auf dem ganzen Planeten. Unsere wunderschönen Nationalparks stehen größtenteils in Flammen. Bis jetzt sind vier Millionen Hektar Land verbrannt und viele weitere werden folgen. Dazu kommt eine noch nie dagewesene Dürre.“

Alle weiteren Treibhausgasemissionen werden die apokalyptischen Verhältnisse – nicht nur in Australien – perspektivisch in den nächsten Jahren nur noch verschlimmern, lange vor dem Erreichen von 1,5°C. Das heißt im Klartext, die nationalen Klimaschutzziele sind unverantwortlich niedrig, genauso wie die der EU und faktisch nahezu aller Staaten weltweit. Die Welt braucht Nullemissionen bis 2030. Alles andere führt nur zur Zerstörung der menschlichen Zivilisation, deren bittere Anfänge wir heute schon in Australien sehen.

Die CO2-Emissionsreduktionen 2019 in Deutschland sind fast nur witterungsbedingt

Angesichts dieser globalen Herausforderung sind die 50 Millionen Tonnen CO2-Reduktion ein Klacks und selbst diese resultieren nicht aus einer verantwortungsvollen nationalen Klimaschutzpolitik.

Der in 2019 auf 46% des Nettostromverbrauchs stark angestiegene Anteil des Ökostromes hat seine Ursache kaum in einem nennenswerten Ausbau des Ökostromes (dieser wird ja weiter von der Bundesregierung blockiert), sondern nach Analysen der Energy Watch Group lediglich (1) in besonders guten Wind- und Solarverhältnissen gegenüber anderen Jahren sowie (2) einem hohen witterungsbedingten Verbrauchsrückgang und einem (3) Wechsel vom klimaschädlichen Kohlestrom zur – aufgrund von Methanemissionen – genauso klimaschädlichen Erdgasverstromung. So hat die Windstromproduktion verglichen mit einem Normaljahr 2003-2019 um rund 20 TWh zugenommen, der Solarstrom um etwa 2 TWh. (4) Die Stromnachfrage in Deutschland hatte 2019 einen Verbrauchsrückgang von nahezu 10 TWh gegenüber 2018, nach Daten der AG Energiebilanzen. Hauptursache dürfte die milde Witterung in den Wintermonaten sein. Ein Rückgang des Nettostromexports, von etwa 20 TWh verringerte die Stromproduktion klimaschädlicher Kohlekraftwerke zusätzlich. 

Diese vier Faktoren summieren sich auf einen Rückgang von 52 TWh konventioneller Stromerzeugung und sind damit fast alleine die Ursache für die verminderten 50 Millionen Tonnen an CO2-Emissionen. Von aktiver und wirksamer Klimaschutzpolitik, wie von Ministerin Schulze behauptet, kann also keine Rede sein.

Dass sich die Stromerzeugung aus Erdgas um 11 % erhöhte, wird zwar national als CO2– mindernd angerechnet, hilft aber dem Klima nicht, weil sich in den meist ausländischen Lieferländern wie Russland oder Norwegen die Vorketten-Methanemissionen dadurch erhöhten. Denn dem Klima ist es weitestgehend egal, wo die Emissionen entstehen. Die CO2-Emissionsrückgänge durch mehr Erdgasstrom werden laut Agora durch die höheren CO2-Zertifikatspreise verursacht. Ein erneuter Beleg dafür, dass die Fixierung auf den CO2-Preis für den Klimaschutz wenig bringt oder sogar wie in diesem Falle klimaschädlich sein kann, da sie in höheren Methanemissionen und möglicherweise sogar stärkere Klimaschäden resultiert.

Es zeigt sich also bei genauerem Hinsehen, dass die 50 Millionen Tonnen an CO2-Reduktion in Deutschland letztlich im Wesentlichen witterungsbedingt und kein Ergebnis einer wirksamen Klimaschutzpolitik sind.

Sollte 2020 ein schlechteres Solar- und Windjahr sein und zudem ein kälterer Winter kommen, dann würden die nationalen CO2-Emissionen wahrscheinlich sogar wieder zunehmen und der Anteil der Ökostromerzeugung sinken. Einen nennenswerten Ausbau des Ökostromes gibt es ja weiterhin nicht mehr auf Grund der Ökostromausbaublockaden durch die Große Koalition und ihre Vorgängerregierungen.

Offensichtlich setzt die Bundesregierung durch ihr weiteres Nichtstun bei echten Klimaschutzmaßnahmen auf CO2-Emissionsreduktionen durch die weitere Aufheizung des Planeten, denn dadurch werden die Windgeschwindigkeiten höher (mehr Stürme), die Solarstrahlung höher (mehr Trockenzeiten) und die Winter milder. Aber in Australien können wir sehen, wohin das auch bei uns führen kann und wird: Zu einem Inferno auf Erden und einer ersthaften Bedrohung für die menschliche Zivilisation.

Hammelburg, 9. Januar 2020

Ihr Hans-Josef Fell