Liebe Leserinnen und Leser,

Besuch bei den Helden der Energiewende im Hunsrück

Es ist phänomenal, was sich im Landkreis Rhein-Hunsrück in den letzten 10 Jahren an Wohlstand, bürgerlichem Engagement und wirtschaftlicher Stärkung mit Hilfe von Klimaschutzmaßnahmen entwickelt hat. In den neunziger Jahren hatte der Kreis mit hoher Arbeitslosigkeit, geringer kommunaler Finanzkraft und Abwanderung zu kämpfen.

Heute ist der Schuldenstand der Kommunen bei nur 20% des Landesdurchschnitts von Rheinland-Pfalz und die Kommunen haben Kapitalrücklagen von 85 Millionen Euro, um in notwendige dörfliche Infrastruktur zu investieren. Die Wirtschaft wächst, Tourismuseinnahmen wachsen, qualifizierte Arbeitskräfte werden gesucht. Junge Familien kommen zurück, investieren in die Häuser der Dörfer und haben Kitas. Die Immobilienpreise ziehen an und das gerade in den Dörfern, die nahe an den großen Windparks stehen. Vom angeblichen Wertverlust in der Nähe von Windparks, wie es Windkraftgegner immer wieder behaupten, ist nichts zu sehen.

Wie wurde dieses Wunder möglich? Die Pachteinnahmen aus der Windkraft, die meist in die Kassen der Kommunen fließen, weil die Parks oft auf kommunalen Grundstücken liegen, sind die Initialzündung gewesen und heute noch der finanzielle Kern der großen wirtschaftlichen Entwicklung. Solidarität und gemeinschaftliches bürgerlich ehrenamtliches Engagement ist die zweite Säule. Die tatkräftige Unterstützung durch die Landräte und die eigens geschaffene hauptamtliche Stelle eines Klimaschutzmanagers am Landratsamt, höchst engagiert ausgefüllt durch Frank-Michael Uhle, hat ebenfalls einen hohen Anteil am Gesamterfolg.

In solidarischer Gemeinschaft haben Kommunen mit Windparks einen Solidarpakt mit den Nachbarkommunen geschlossen, die zwar in der Nähe des Windparks liegen, aber keine Pachteinnahmen bekommen. Im fair ausgehandelten Solidarpakt fließen Windpachteinnahmen auch an die Nachbargemeinden. Neid und Missgunst, oft die Quelle von Ablehnung und Widerstand, konnten so überwunden werden. Das schaffte großflächige Akzeptanz für die Windkraft. Windkraftgegner spielen keine nennenswerte Rolle. Die Menschen akzeptieren die Windkraft, fühlen sich nicht durch Lärm und Infraschall belästigt, sehen die Wertsteigerung ihrer Immobilien und sie sehen die vielen Rotmilane und Schwarzstörche in der Natur, die nach ihrer Beobachtung eben nicht durch Windkraft im Bestand gefährdet sind, sondern gerade durch die Windausgleichsflächen viele neue Lebensräume gefunden haben. Auf Bundesebene und in anderen Bundesländern wird viel darüber diskutiert, wie die Akzeptanz für die Windkraft geschaffen werden könnte. Doch die bisher ergebnislos gescheiterte Arbeitsgruppe Akzeptanz der Koalitionsfraktionen im Bundestag hat sich nie im Hunsrück sachkundig gemacht, obwohl sie genau dort sehen könnte, wie Akzeptanz geschaffen wird.

Die Windkraft ist es inzwischen nicht mehr alleine, was finanziell die Kommunen und Privathaushalte stärkt. Das Ziel die regionale Wertschöpfung zu steigern, indem die Ausgaben für Energie in der Region bleiben, wird Schritt für Schritt erreicht. Noch 2011 flossen ca. 290 Millionen Euro an Einkauf für fossile und atomare Energien aus der Region und wurden der regionalen Wertschöpfung entzogen. Bereits 2017 konnten alleine im Stromsektor 43,5 Millionen Euro regionale Wertschöpfung mit der Energiewende erzielt werden.

Die Vielfalt der bürgerlichen Aktivitäten zur Energiewende ist unglaublich bunt. Immer wieder neue Ideen werden in den Treffen der Bürgerinnen und Bürger geboren und erfolgreich umgesetzt. 17 kommunale Nahwärmenetze auf Basis der im Hunsrück reichlich vorhandenen Bioenergien, meist Holzhackschnitzel zur Erzeugung von Strom und Wärme, konnten verwirklicht werden; meist genossenschaftlich organisiert mit hohem ehrenamtlichem Einsatz, eben die wahren Helden der Energiewende. Inzwischen werden auch große Solarthermieanlagen in die Nahwärme eingebunden. Die an die Nahwärme angeschlossenen Haushalte sparen zudem im Mittel 200 Euro Stromkosten, insbesondere durch effiziente Heizungspumpen.

Jedes Dorf hat seine eigenen individuell angepassten Aktivitäten gefunden, um den Solarstrom auf den öffentlichen und privaten Hausdächern auszubauen, die Nahwärme und gleichzeitig Glasfaser für schnelles Internet in die Häuser zu bringen, Effizienz bei Haushaltsgeräten zu verbessern und LED-Austauschaktionen zu organisieren, die Straßenbeleuchtung auf solarstrombetriebene LED umzurüsten und Carsharing-Elektromobile, wie auch gemeinschaftlich genutzte Fahrräder einzuführen. Zu Recht haben Landkreis und Kommunen viele Auszeichnungen erhalten.

In einer Tour durch viele Dörfer konnte ich den breit gestreuten bürgerlichen Einsatz, voll unterstützt von Gemeinderäten, Bürgermeistern und den Landräten erleben. Begleitet vom ehemaligen Landrat Bertram Fleck, der die Anfänge aktiv mit auf den Weg brachte und Klimaschutzmanager Frank-Michael Uhle, hörte ich begeistert den Bürgermeistern, den Genossenschafts-Vorständen und vielen Bürgerinnen und Bürgern zu, mit welchem Engagement sie die Energiewende und andere Aktivitäten vorantreiben.

Umfangreich war mein Besuchsprogramm und dennoch war es ein nur ein kleiner Ausschnitt aus der Vielfalt der Aktivitäten im Hunsrück. Überall konnte ich mein E-Mobil problemlos aufladen.

Fazit meines Besuchs: Wer heute noch nicht verstanden hat, welche umfassenden Vorteile die Energiewende neben dem Klimaschutz für Wohlstand, wirtschaftliche und demokratische Entwicklung, mit Teilhabe und Einbindung der Bürgerschaft in hoher Akzeptanz der Bevölkerung bringt, muss in den Rhein-Hunsrück-Kreis fahren und mit den Bürgermeistern und Genossenschaften reden. Das EEG war die alles entscheidende Grundlage für die Wohlstandsentwicklung im Hunsrück. Der Kreis ist ein bestes Beispiel dafür, wie der Strukturwandel z.B. in den Kohleregionen bewältigt werden könnte und gleichzeitig umfassender Klimaschutz verwirklicht werden kann. Zudem stellt die Einbindung der Bevölkerung durch Bürgerenergien eine wichtige Grundlage dar, um der gefährlichen Entwicklung in weitere Rechtsradikalität Einhalt zu gebieten, die sich gestern bei den Wahlen in Brandenburg und Sachsen zeigte. Dezentrale und bürgerliche Solidarität sind ein guter weg zur Stärkung des demokratischen Gemeinwesens.

Die Erkenntnisse des Landkreises sollen daher nun deutschlandweit propagiert werden. Unter dem Titel

„Einmal strukturschwach, immer strukturschwach? Erneuerbare Energien als Chance für Kommunen im ländlichen Raum“

findet am Freitag, 13. September 2019 von 11 bis 12 Uhr in den Räumen der Agentur für Erneuerbare Energien, Invalidenstraße 91, 10115 Berlin ein Pressegespräch statt. An dem Gespräch nehmen die Ministerin für Umwelt, Energie, Ernährung und Forsten des Landes Rheinland-Pfalz, Frau Ulrike Höfken (Bündnis 90/Die Grünen), der Landrat des Rhein-Hunsrück-Kreises, Dr. Marlon Bröhr (CDU) sowie der Geschäftsführer Agentur für Erneuerbare Energien e.V., Dr. Robert Brandt, teil. Dieses Pressegespräch kann ich den Hauptstadtmedien, die aktuell viel über die notwendigen Schritte für einen raschen und wirksamen Klimaschutz diskutieren, nur wärmstens empfehlen.

Leider sind Politiker der Regierungsfraktionen in Berlin blind für diese unglaublich positive gesellschaftliche Entwicklung, die das EEG für die Bürgerenergien entfacht hat, nicht nur im Kreis Rhein-Hunsrück, sondern auch in anderen Regionen. Doch die Regierungsfraktionen hören nur auf die Interessen der Energiekonzerne, denen die Konkurrenz der Bürgerenergien ein Dorn im Auge ist und finden so keinen Weg zum Klimaschutz.

Hammelburg, 2. September 2019

Ihr Hans-Josef Fell