Liebe Leserinnen und Leser,

Die Tschernobyl-Atomkatastrophe ist längst vorbei? Von wegen!

Viele Menschen neigen dazu, vergangene Katastrophen zu vergessen und zu verharmlosen, wenn Sie nur lange genug zurückliegen. Sie glauben sie hätten keine Auswirkungen mehr auf Ihr heutiges Leben. Ein besonders krasses Beispiel für diese Fehleinschätzung ist der atomare Super-GAU von Tschernobyl, gestern vor 34 Jahren.

Auch heute noch hat dieser Super-GAU gravierende finanzielle, ökologische und gesundheitliche Auswirkungen auch auf uns, aber besonders in Weißrussland, in der Ukraine und in Russland. Diese Folgen zeigen nach wie vor, dass die Atomenergie völlig unverantwortbar ist, denn jederzeit können gerade in den alten, maroden osteuropäischen, ukrainischen und russischen Atomkraftwerken, aber auch in Frankreich, der Schweiz, England, Belgien, Deutschland und sonst wo Super-GAUs stattfinden. Die Beschwichtigungen, dass so etwas nicht wieder passieren könne, haben die gleiche Qualität, wie die damaligen Beschwichtigungen vor den Unfällen in Tschernobyl oder Fukushima. Die Erfahrung zeigt: Statistisch gesehen ereignet sich weltweit ein Super-GAU etwa alle 10 Jahre. Der letzte Super-GAU in Fukushima liegt nun 9 Jahre zurück und immer noch sind über 400 Atomreaktoren, meist uralte in Betrieb und immer noch werden zwar wenige, aber neue Atomreaktoren gebaut.

Alleine den deutschen Steuerzahler hat die Mitfinanzierung zur Bewältigung der Katastrophenschäden in Tschernobyl über 1 Mrd. Euro gekostet, wie ein neues Gutachten des Forums Ökologisch-Soziale Marktwirtschaft (FÖS) im Auftrag von Greenpeace aufzeigt. Die weltweiten finanziellen Schäden liegen bis 2016 bei unglaublichen über 600 Mrd. Euro.

Weite Landstriche in Weißrussland und der Ukraine sind bis heute und über Jahrhunderte unbewohnbar. Die Bevölkerung in diesen Ländern und Landstrichen erleidet immer noch immense und weiterhin steigende Gesundheitsschäden. Nach den Zahlen des ukrainischen nationalen Forschungszentrums für Strahlenmedizin sind es alleine in der Ukraine 1,8 Mio. Menschen – inkl. nahezu 380.000 Kindern –, die Opfer des Super-GAU geworden sind, Stand Januar 2018.

Unter den Opfern ist insbesondere die Anzahl der Menschen mit Behinderung stark angestiegen, von 40.100 im Jahr 1995 bis zu 107.100 im Januar 2018. Noch im Juli 2019 zahlte die ukrainische Regierung Unterstützungsgeld an 36.525 Frauen, die als Witwen von Männern gelten, die unter den Folgen des Tschernobyl-Unfalls gestorben sind. Darüber hinaus liegt die Selbstmordrate der Menschen, die an den Aufräumarbeiten in Tschernobyl beteiligt waren, weit über dem nationalen Durchschnitt. Studien haben zu dem ermittelt, dass Menschen, die angaben in den von Tschernobyl betroffenen Zonen in der Ukraine zu leben, höhere Raten von Alkoholproblemen und eine schlechtere psychische Gesundheit aufwiesen.

Und nun steht aktuell wieder eine bedrohliche radioaktive Wolke aus Tschernobyl über der Ukraine, Russland und Weißrussland. Seit Wochen kann die Feuerwehr in Tschernobyl die durch die Trockenheit infolge der Erderwärmung ausgebrochenen Brände nicht löschen. Mit den Bränden werden ohnehin schon gesundheitsgefährdende Luftschadstoffe bis nach Kiew getragen, welche vor allem mit Cäsium 237 radioaktiv belastet sind. Die in den Moorböden, Gräsern und Bäumen gebundene Radioaktivität aus den Freisetzungen des Reaktorunfalles gelangen aktuell durch die Brände wieder in die Atemluft. Bei ungünstigen Wetterlagen könnte diese radioaktive Wolke auch bis nach Deutschland vordringen.

Dabei liegt die radioaktive Belastung der Wolke bis zu 200-fach über dem natürlichen Radioaktivitätsniveau. Damit ist die Situation wesentlich gefährlicher als es die immerwährenden Beschwichtigungen der Regierungen und Internationalen Atomenergiebehörde (IAEO) verlauten lassen, wenn erhöhte Radioaktivität irgendwo in der Luft ist.

Doch in der Ukraine existieren nach wie vor keine breite Front geschweige denn eine politische Mehrheit gegen die Atomenergie. Die noch unter der alten Poroschenko-Regierung vorgenommene Entscheidung zum Neubau von Atomreaktoren wird auch unter dem neuen Präsidenten Selenskyj beibehalten. Erneuerbare Energien hingegen werden wie in Deutschland mit der Umstellung auf Ausschreibungen abgewürgt.

Wir können nur hoffen, dass uns die radioaktive Wolke aus Tschernobyl nicht erreicht, aber wenn doch? Dämmert es dann endlich der Bundesregierung, dass ein deutscher Atomausstieg bei weitem nicht ausreicht, um immense gesundheitliche Schäden durch Radioaktivität aus einem Super-GAU eines europäischen Reaktors von der deutschen Bevölkerung fern zu halten? Jedenfalls wird es keine Maßnahmen geben können, wie Quarantäne und Abstandsgebote, die zwar Viruserkrankungen eindämmen können, aber nicht das Einatmen von radioaktiv verseuchter Luft. Klar ist, dass es keinen Schwellenwert von Radioaktivität in der Luft gibt, unterhalb dessen gesundheitliche Auswirkungen ausgeschlossen werden können.

Natürlich kann die radioaktive Verseuchung von Wäldern nicht mehr rückgängig gemacht werden, aber doch müsste sich die deutsche Regierung auch international verstärkt dafür einsetzen treffen, dass möglichst nie mehr ein Super-GAU geschieht. Und das geht nur mit einem Neubauverbot und dem Abschalten der vorhandenen Atommeiler. Anders als in der Corona-Gesundheitskrise unternimmt die Bundesregierung nichts, aber auch gar nichts, um die Gesundheitsgefährdungen der deutschen und europäischen Bevölkerung durch die europäischen Atomreaktoren abzuwenden. Es gibt seit Jahren keine politische Einflussnahme der Bundesregierung, um in Europa und angrenzenden Ländern endlich einen Atomausstieg und Neubauverbot auf dem Weg zu bringen.

Im Gegenteil, mit dem Aufrechterhalten des EURATOM-Vertrages – das finanzielle und administrative Fundament für den Ausbau neuer und den Betrieb alter Atomkraftwerke in Europa – stützt auch die Bundesregierung mit vielen Milliarden an Steuergeldern die Atompolitik anderer Länder (z.B. Polen, Ungarn und sogar der Ukraine) und damit den Bau weiterer Atomreaktoren.

Eine ernsthafte Abwehr von gravierenden Gesundheitsgefährdungen der Bevölkerung gelingt neben anderen Maßnahmen, wie z.B. sauberen Lebensmitteln (frei von Giftstoffen & Antibiotika), nur durch Abschaffung der Luftverschmutzung und radioaktiver Gefahren sowie einer Abkühlung der irdischen Temperatur. Eine einseitige Gesundheitspolitik, die „nur“ auf die Vermeidung von Virusübertragungen setzt ist vollkommen unzulänglich, um die Gesundheit der Bevölkerung zu schützen. Auch das Abschalten aller weltweiten Atomkraftwerke gehört zu einer vorsorgenden Gesundheitspolitik. Doch dazu schweigt sich die Bundesregierung aus und schlimmer noch: Der Ausbau der Erneuerbaren Energien wird abgewürgt, dabei könnten Erneuerbare die Atomenergie europa- und weltweit schnell ersetzen – wenn man nur will.

Hammelburg, 27. April 2020

Ihr Hans-Josef Fell