Die Ukraine braucht trotz russischer Angriffe auch im tiefen Winter eine sichere Energieversorgung mit dezentralen Erneuerbaren Energien

Der russische Präsident Putin hat gerade die winterlichen Dunkelflauten in der Ukraine völkerrechtswidrig genutzt, um die zentrale ukrainische Energieversorgung anzugreifen und zu zerstören. Die Wirkung in diesem letzten Winter war verheerend, ja für viele Menschen lebensbedrohend. In den langen kalten Monaten mit Tagen bis unter Minus 20 °C zerschossen die Soldaten Putins Kraftwerke, Strom-, Erdöl- und Gasleitungen, Raffinerien und andere zentrale Anlagen der fossilen und atomaren Energiestruktur. Tagelange Stromblackouts und Ausfälle der Wärmeversorgung waren gezieltes und kriegsverbrecherisches Mittel im Eroberungskrieg Russlands.

Bereits in den Vorjahren gab es in der Ukraine einen starken Ausbau von Solaranlagen, Speichern und auch Windkraft, oft mit großer Spendenbereitschaft von Hilfsorganisationen. Dies half erheblich – jedoch kaum im Winter, wo es gerade auch in der Ukraine lange Dunkelflautenzeiten gibt.

Die EU-Länder halfen im Winter aus mit vielen Dieselgeneratoren, die dezentral Strom erzeugen sollten, sobald Blackouts eintraten – doch die standen viel zu oft still, weil die Ukraine wegen der zerschossenen Erdölinfrastruktur auch unter Dieselmangel leidet.

Zudem wird ein Teil des Diesels immer noch über meist unkontrollierbare Lieferwege aus Russland bezogen, womit Ukrainer sogar den Krieg gegen sich selbst mitfinanzieren.

Russlands Einnahmen steigen wegen der aktuellen globalen Energiekrise steil an

Trotz der EU-Energie-Boykotte im fossilen Sektor kann Russland weiter auf dem Weltmarkt viel Erdöl, Erdgas, aber auch Kohle und Atomtechnologien für die Kriegsfinanzierung absetzen.

Der russische Haushalt ist zu großen Teilen vom Verkauf von Öl und Gas abhängig; aktuell sind 59 Dollar je Barrel im Etat zugrunde gelegt. Vor dem Iran-Krieg wies er wegen eines Ölpreises unter dem Planwert ein Defizit aus. Beim aktuellen Preisniveau infolge der Sperrung der Straße von Hormus, die die Erdöl- und Erdgaspreise in die Höhe trieben, kann Moskau allein aus Erdöl und Erdgas rund 50 Mrd. Dollar Mehreinnahmen pro Jahr generieren.

Quelle: Capital.de, Straße von Hormus

Es ist schlimm, dass wegen des Kriegs im Iran Russland die Drohnen- und Raketenangriffe auf die Ukraine massiv verstärken kann.

Angesichts dieser Bedrohungszunahme ist es umso wichtiger, dass die Ukraine möglichst schnell auf eine sichere Strom- und Wärmeversorgung auch in winterlichen, dunklen und kalten Zeiten umstellt, statt weiter von den leicht zerstörbaren Kraftwerken, Raffinerien und Leitungsstrukturen abhängig zu sein. Das geht nur mit einem starken Ausbau der dezentralen Strom- und Wärmeversorgung – und die braucht im Winter als Ergänzung zu Solar- und Windkraft eben speicherbare Energien, und das sind vor allem alle Arten von Bioenergien: Biogas, Holzgas und insbesondere Pflanzenöle, die den Diesel in Generatoren, Blockheizkraftwerken und Traktoren ersetzen können.

Wir haben mit der Energy Watch Group dazu im letzten Jahr eine Initiative gestartet, die darauf abzielt, zunächst in den Dörfern, kleineren Städten und ländlichen Räumen, wo die Bioenergien vor Ort erzeugt werden, eine sichere winterliche Strom- und Wärmeversorgung aufzubauen.

Federführend in dieser Initiative sind Yevgen Mykhalchenko vom Deutsch-Ukrainischen Forum e.V. und Dr. Georg Gruber von den Vereinigten Werkstätten für Pflanzenöltechnologie.

Lesen Sie mehr dazu in meinem Interview mit Theresa Crysmann vom Tagesspiegel Background, veröffentlicht am 2. April 2026.


Hans-Josef Fell im Interview

Dass aktuell teils russischer Diesel verwendet wird, ist absurd“

Russlands Angriffe treffen die zentrale Energieinfrastruktur der Ukraine empfindlich, die Versorgung mit fossilen Kraftstoffen für dezentrale Lösungen ist schwierig. Hans-Josef Fell, Präsident des Thinktanks Energy Watch Group, erklärt im Interview, wieso der Hochlauf der Biomassenutzung ein Rettungsanker sein kann und worauf es dabei ankommt.

Herr Fell, kürzlich trafen Sie sich mit Bundeslandwirtschaftsminister Alois Rainer – eingeladen hatte die Energy Watch Group zum Thema „Biomasse für die Ukraine“. Was steckt dahinter?

Wir brauchen eine umfassende Energiehilfe für die Ukraine. Oft denkt man da an Photovoltaikanlagen mit Batterien oder Dieselgeneratoren, die man ins Land schickt – das hilft lokal und ist wichtig, aber es reicht bei Weitem nicht. Wir sprechen über eine grundlegende Umstrukturierung der Energieversorgung. Die russische Armee legt die zentrale Energieinfrastruktur gezielt lahm: Kraftwerke, Stromleitungen, Pipelines, Raffinerien, LNG‑Häfen – alles zentrale, fossile oder atomare Strukturen, die extrem verwundbar sind. Die Ukraine braucht ein System, das auch im Krieg resilient ist. Das geht nur dezentral, mit einem Mix aller erneuerbaren Energien und Speichern.

Welche Rolle kann Biomasse dabei spielen?

Im Zentrum steht Photovoltaik mit Batteriespeichern, ergänzt durch Windkraft, kleine Wasserkraft, Geothermie und Küstenmeeresenergie. Aber: Erneuerbare sind volatil – und die Solarenergie ist besonders im Winter schwach. Deshalb braucht es zusätzliche Energieträger, die unabhängig von Tageszeit und Wetter funktionieren. Biogasanlagen können in Dörfern Strom und Wärme liefern, wenn die Sonne nicht scheint und der Wind ausbleibt. Sie lassen sich dezentral und vergleichsweise klein bauen und bieten deutlich weniger Angriffsfläche.

Geht es Ihnen dabei vor allem um Biomethan?

Das ließe sich direkt ins Netz einspeisen, aber auch Holzgas spielt eine große Rolle, vor allem über Hackschnitzel. Entscheidend ist ein dritter Pfeiler: reine Pflanzenöle als flüssiger Kraftstoff. Die Ukraine ist bei Dieselimporten extrem abhängig – und leidet unter politischen Blockaden unter anderem der Stromversorgung etwa durch die Slowakei oder Ungarn. Pflanzenöl kann Diesel ersetzen, ohne zentrale Raffinerien zu brauchen. Ein Landwirt kann mit einer einfachen Ölmühle seinen eigenen Kraftstoff herstellen – geschützt in einem festen Gebäude, notfalls im Keller. Damit lassen sich dann Krankenhäuser, Mobilfunkmasten, Traktoren oder kleine Generatoren im Blackout betreiben – sogar im Militär, wo es tragbare Stromerzeuger braucht. Biogas oder Holzgas funktionieren dort nicht.

Technisch wäre das sofort machbar?

Einiges ja. Es gibt Generatoren und Traktoren, die pflanzenöltauglich sind. John Deere hat zum Beispiel ein entsprechendes Modell. Aber die EU‑Regulierung und die Teller-oder-Tank‑Debatte haben die Entwicklung seit 2007 praktisch abgewürgt. Völlig zu Unrecht: Reine Ölpflanzen hungern niemanden aus. Zwei Drittel der Pflanze werden als Presskuchen zu hochwertigem Eiweißfutter – und ersetzen Sojaschrot aus Brasilien, das zur Regenwaldabholzung beiträgt. Der Rückgang von Pflanzenöl in Deutschland hat die Sojaimporte sogar erhöht.

Inwiefern ist dieser Ansatz für ein Land sinnvoll, dessen Agrarflächen teils vermint oder zerstört sind?

Tatsächlich sind viele Felder vermint oder mit Munition belastet und daher für den Lebensmittelanbau ungeeignet. Für Energiepflanzen dagegen sind sie nutzbar – und die Minenräumung selbst braucht Treibstoff. Dass dafür aktuell teils russischer Diesel verwendet wird, ist eigentlich absurd.

Welche Ölpflanzen bieten sich für die Ukraine besonders an?

Sonnenblumen und Raps sind weit verbreitet. Dazu kommt Leindotter, der ökologisch sehr interessant ist und gut in Fruchtfolgen passt.

Die EU‑Beitrittsverhandlungen laufen. Spielt das Thema Energieversorgung dort eine Rolle?

Unbedingt. Die Ukraine arbeitet gerade an Novellen ihres Energierechts, die sich am EU‑Recht orientieren. Wir haben konkrete Vorschläge erarbeitet – etwa zur Einführung von Energy Sharing, das in den EU‑Richtlinien vorgesehen ist. In Deutschland ist das immer noch hochbürokratisch. Die Ukraine hat paradoxerweise ein Gesetz, das es Privatpersonen in manchen Landesteilen verbietet, Strom von ihrer PV‑Anlage an ein Krankenhaus in der Nähe zu verkaufen. Das sind Blockaden aus alten zentralistischen Strukturen. Aber es gibt Bewegung: Bürgermeister, regionale Akteure, NGOs – sie alle drängen auf dezentrale Lösungen. Die Widerstände im Land kommen von Oligarchen und bestehenden Interessenstrukturen in der alten Energiewirtschaft.

Was braucht es, damit das Ganze in die Fläche kommt?

Vor allem Technik: Blockheizkraftwerke, Motoren und Generatoren, die für Pflanzenöl geeignet sind. Alles, was die EU-Kommission im Rahmen ihrer Hilfeleistungen an Generatoren schickt, ist zur Zeit auf Diesel angewiesen. Der fehlt oder stammt aus Russland. Zwar ließen die sich teilweise auf Pflanzenöl umrüsten, aber dafür fehlt vor Ort oft das technische Wissen.

Wo sehen Sie den Hebel, an dem Deutschland in dieser Situation helfen kann?

Spezialisierte Unternehmen, die auf Pflanzenölantriebe setzen, existieren vor allem hier bei uns. Einige sind bereits in der Ukraine tätig. Sie brauchen nun Unterstützung, um Produktionslinien hochzufahren und eine Begleitung durch die Forschung ist wichtig. Denn die EU-Standards bei Emissionen und Pflanzenölnormen sollten auch in der Ukraine möglichst eingehalten werden, wenn man diesen Technikhochlauf macht. Zusätzlich braucht es Know-how-Transfer: Ausbildung und Wissensvermittlung.

Gibt es passende Förderprogramme?

Die Bayerischen Staatsgüter haben in den letzten Jahrzehnten viel zu Pflanzenölmotoren geforscht, um alle Arten der Bioenergie in Landwirtschaftsmaschinen zu bekommen: Biogas- und Biodiesel-Traktoren und elektrische Zugmaschinen. Je nach Einsatzgebiet hat der eine oder der andere einen Vorteil. Solche Bemühungen könnten auf Bundesebene erweitert werden. Auf EU‑Ebene wäre dies auch hilfreich, aber da fehlen uns bisher direkte Ansprechpartner.

Welchen zeitlichen Horizont halten Sie für Ihre Biomasse-Offensive für realistisch?

Wir müssen sehr schnell handeln. Die Bauern stehen mitten in der Aussaat – wer jetzt keine Perspektive für Pflanzenöl sieht, sät auch keine entsprechenden Kulturen. Wir wollen noch diesen Sommer erste Pilotkommunen ausstatten, gemeinsam mit ukrainischen Partnern. Wenn die ersten Projekte sichtbar funktionieren, entsteht ein enormer Sog: Nachfrage, privates Kapital, Interesse der Industrie. Dann geht es plötzlich sehr schnell. Und hohes Tempo ist wichtig: Dezentrale Energie ist entscheidend für die Zukunft der Ukraine – in den Kriegszeiten, aber auch danach.

Interview: Theresa Crysmann