Warum auch die Golfregion nur eine erneuerbare und keine fossile Zukunft hat

 

Liebe Leser*innen,

 

Im Angesicht des russischen Angriffskriegs in der Ukraine und dem damit notwendig gewordenen Ausstieg aus russischen Energielieferungen für Europa, wird seit einigen Monaten diskutiert, inwiefern andere Länder bzw. Regionen aushelfen können, um den hohen Bedarf an Erdöl und Erdgas hierzulande zu decken. So unternahm der deutsche Klimaminister Habeck bereits Reisen nach Katar und in die Vereinigten Arabischen Emirate (VAM) sowie in die USA, um LNG bzw. Fracking-Gas einzukaufen. Erst kürzlich kam allerdings die Absage aus Katar, dort sei man bereits am Limit der Fördermöglichkeiten.

 

Die Not ist groß und gemäß dem Plan der Europäischen Kommission soll Europa bis 2030 gänzlich unabhängig von fossilen Brennstoffen aus Russland sein. Dies ist unverzichtbar, da mit den russischen Energielieferungen die Hauptkriegsfinanzierung stattfindet, sie hätte längst vollständig gestoppt werden müssen.

 

Auch wenn von vielen Seiten, insbesondere von Deutschland und der Europäischen Union (EU), ein Ersatz von russischem Erdöl und Erdgas durch andere Regionen, allen voran der Golfregion angestrebt wird, wird aber auch dies nicht möglich sein. Und das aus zweierlei Gründen:

 

  • Einen wirklich nennenswerten fossilen Ersatz aus der Golfregion wird es aus Gründen der Ressourcenverknappung nicht geben können.
  • Den fossilen Ersatz aus der Golfregion wird es aus Gründen des Klimaschutzes nicht geben dürfen. Denn jede weitere starke Nutzung der Gas- und Ölrohstoffe, wie auch Kohle wird zweifelslos in die Auslöschung der menschlichen Zivilisation münden, auch in der Golfregion.

 

 

Ressourcenverknappung und damit verbundene geopolitische Spannungen

 

Eine signifikante Ausweitung des Fördervolumens in der Golfregion, die für den Ersatz der russischen Energielieferungen ja notwendig wäre, wird es schlichtweg nicht geben können, da das maximale Fördervolumen in vielen Ländern bereits erreicht ist. So bekundet der Energieminister der VAM Al Mazrouei, dass die Situation im Hinblick auf die potentiellen Fördermengen „nicht sehr ermutigend“ sei. Und auch der OPEC-Generalsekretär Mohammad Barkindo erklärt, dass die große Mehrheit der Mitglieder an seine Kapazitätsgrenzen stößt und dementsprechend nicht mehr fördern kann. „Die Welt muss sich mit dieser brutalen Tatsache abfinden“, heißt es und die Energiepreise würden in der Folge ins Unermessliche steigen.

 

Auf dem letzten G-7-Gipfel in Bayern verkündete Präsident Emmanuel Macron seinem Amtskollegen Joe Biden zudem, dass die VAM bereits ihre maximalen Förderkapazitäten erreicht hätten. Darüber hinaus hatte der regierende Scheich der VAM, Mohammed bin Zayed al-Nahyan, angemerkt, dass auch die Saudis ihre Ölproduktion lediglich „ein bisschen“ steigern könnten. Ben van Beurden, CEO von Shell, und der unabhängige Ölanalyst Neil Atkinson kommen insgesamt zu der Einschätzung, dass die Förderkapazitäten der OPEC, insbesondere von Saudi-Arabien und den VAM, schon lange überhöht sind im Ernstfall nicht so viel gefördert werden könne, wie es sich viele Menschen erhoffen.

 

Bereits 2018 warnte die Internationale Energieagentur (IEA) in ihrem World Energy Outlook 2018 entgegen aller Erwartungen vor einer dramatischen Unterversorgung der weltweiten Erdölversorgung in den kommenden fünf Jahren.

 

Jenseits dieser Ressourcenverknappung würde der Ersatz von Erdöl- und Erdgaslieferungen in Europa durch die Golfregion zu neuen und gefährlichen geopolitischen Spannungen führen, die sich bereits heute abzeichnen. So können vermehrte Liefermengen von Erdöl und Erdgas nach Europa vor dem Hintergrund der kaum vergrößerbaren Liefermengen in der Golfregion nur zur Kürzung von Lieferungen andernorts führen, was dann dort enorme Probleme bereitet. Ein aktuelles Beispiel hierfür ist Pakistan, wo die LNG-Schiffe aus der Golfregion schon heute nicht mehr ankommen. Die daraus resultierenden Spannungen in Pakistan führen dann zur sozialen und wirtschaftlichen Destabilisierung; Aufstände und Terror weiten sich weiter aus und es drohen regionale Kriege.

 

Europa ist derzeit darum bemüht, keine Energielieferungen mehr aus Russland zu beziehen, da Russland damit den schrecklichen Krieg in der Ukraine finanziert. Die Öleinnahmen in der Golfregion, insbesondere im Iran und in Saudi-Arabien, sind aber ebenso Kriegsfinanzierung, deren Stellvertreterkrieg im Jemen stattfindet. Seit sieben Jahren führen jene beiden Länder Krieg im Jemen.

 

Gleichzeitig hilft es auch nicht, wenn Präsident Biden aus eigener Energienot den Schulterschluss mit Saudi-Arabien sucht, obwohl dies nach dem Mord an Kashoggi undenkbar erschien. Aber die Energienot lässt die Rechtstaatlichkeit und die Humanität wieder hintenanstellen.

 

Dies zeigt sich in den Vorbereitungen, französische Söldner im Jemen zur Sicherung von LNG-Lieferungen aus der Jemenitischen Shabwa Province, einzusetzen. Der Krieg im Jemen bekäme damit eine neue schreckliche Dimension mit europäischer Kriegsbeteiligung.

 

Somit ist klar: Weder die Weltgemeinschaft und schon gar nicht die Golfregion alleine können den Ersatz der russischen Energielieferungen aus anderen nicht russischen fossilen und atomaren Quellen in Gänze decken. Die europäische Diversifizierungsstrategie führt damit im Wesentlichen dazu, dass das zahlungskräftige Europa den bisherigen Energiekunden die Energielieferungen wegkaufen, wie das Beispiel Pakistan schon aufzeigt. Neue große geopolitische Spannungen ziehen damit herauf.

 

 

 

Jede weitere fossile Energieförderung ist aus Klimaschutzgründen untragbar.

 

Neben dem Problem der Ressourcenverknappung und den damit einhergehenden geopolitischen Spannungen ist dieser fossile Ersatz aber insbesondere auch aus Klimaschutzgründen untragbar. Bereits heute zeichnen sich die Katastrophen durch den Klimawandel auf der ganzen Welt und in der Golfregion ganz besonders deutlich ab: Schlimmste Hitzeperioden mit Temperaturen über 50 Grad Celsius, die gefährliche Folgen für die Bewohner*innen wie viele Hitzetode nach sich ziehen. Schätzungen zufolge wird die Region bis Ende des Jahrhunderts unbewohnbar sein, mit Temperaturen von 55 bis 60 Grad Celsius. Katar und andere Länder der Golfregion hatten kürzlich zudem mit zerstörerischem Starkregen und Überflutungen zu kämpfen.

 

Mit jedem Zehntel Grad Steigerung der Erdtemperatur werden sich diese extremen Bedingungen massiv ausweiten, sodass weitere Regionen der Golfregion in den kommenden zehn Jahren zunehmend unbewohnbar werden. Hauptursache ist der seit Jahrzehnten ungebrochene exzessive Verbrauch von Erdöl, Erdgas und Kohle. Es ist unverständlich, dass die Regierungen dieser Zerstörung der menschlichen Zivilisation auch in der Golfregion mit einem Ende der fossilen Energienutzung nicht endlich Einhalt gebieten.

 

 

Lösung aus den Krisen

 

Die einzige nachhaltige Lösung für die beiden genannten Probleme ist ein massiver Ausbau der Erneuerbaren Energien, sowohl in der Golfregion selbst als auch in den Ländern, die die fossilen Energieträger aus der Region beziehen, allen voran Europa und die USA. Die Transformation hin zu einem erneuerbaren Energiesystem findet in Europa und den USA bereits jetzt schon statt und genau auf diese Ausbaugeschwindigkeit ist die Golfregion ökonomisch bisher nicht vorbereitet.

 

Die Länder der Golfregion werden in den kommenden Jahren massive Einnahmeverluste erleiden – denn letztlich vermeidet jedes Elektroauto und jede Solarheizung den Bezug von Erdöl und Erdgas für immer. Und genau auf diese Strategie setzen nun Europa und die USA, auch weil die fossilen und atomaren Energieträger wesentlich teurer für die Konsument*innen als Erneuerbare Energien.

 

Gerade in den Wüsten der Golfregion ist das Solarstrahlungsangebot extrem hoch und führt damit zu den mit Abstand niedrigsten Energiekosten, mit denen Erdöl und Erdgas nie mithalten können. Gemäß einer Studie der Energy Watch Group aus dem Jahr 2021 gilt bereits heute für Deutschland, dass die verlässliche Energieproduktion ganzjährig mit einem Mix aus Erneuerbaren Energien und Speichern günstiger ist als die fossile/ atomare Energiegewinnung. Darüber hinaus zeigt die Studie sogar auf, dass es noch vor den dem russischen Krieg in der Ukraine zu hohen Energiepreissteigerungen kam, die nun die Erneuerbare Energien unschlagbar billig gemacht haben, im Vergleich zu fossiler und atomarer Energie. Dies gilt umsomehr für die Golfregion.

 

Der Ersatz russischer Energie wird daher nicht durch fossile Energie aus der Golfregion gelingen, auch wenn es noch soviel Besuche europäischer Politiker dazu gibt, sondern nur durch den Aufbau einer erneuerbaren, verlässlichen Versorgungsinfrastruktur – eben auch weil dies viel kostengünstiger ist.

 

Die Golfregion ist wie der Rest der Welt gut darin beraten, den Ausbau von Erneuerbaren Energien im eigenen Land auch als Chance für die eigene industrielle Entwicklung zu begreifen. Mit dem Aufbau von Fabriken, insbesondere in der Solarindustrie, aber auch bei Speicher- und Meerwasserentsalzungstechnologien auf dem rasch wachsenden Weltmarkt könnte die Region eine große industrielle Wirtschaft aufbauen. Damit würden nicht nur Arbeitsplätze und Exportchancen kreiert, sondern auch China ein Stück weit Paroli in seiner Technologieführerschaft geboten.

 

Vor diesem Hintergrund sollte die Golfregion sehr schnell ihre eigene Energieversorgung auf 100% Erneuerbare Energien umstellen und in eine eigene erneuerbare Industrie investieren – denn nur so kann die Region zukünftig überleben:

 

  • Ganz buchstäblich, indem so die Auslöschung der menschlichen Zivilisation durch den Klimawandel abgewendet wird
  • Wirtschaftlich, da Erdgas und Erdöl im Vergleich zu den Erneuerbaren zu teuer sind und die Abnehmer*innen in den kommenden Jahren ohnehin reihenweise abspringen werden.

 

 

In gekürzter Version wurde diese Stellungnahme auch in der Arabian Gulf Business Insight (AGBI) veröffentlicht.

 

 

 

 

Hammelburg, 05. September, 2022

Ihr Hans-Josef Fell