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Die Hoffnungen des griechischen Ministerpräsidenten Tsipras nach seinem Besuch bei Putin liegen vor allem auf neuem billigem Erdgas und der Aufhebung der russischen Sanktionen für griechische Agrarprodukte. Griechenland könnte nach Präsident Putins Worten zum „Hauptverteiler russischen Gases in Europa“ werden, als Ersatz für die europäischen Hauptgasleitungen durch die Ukraine, wo sich Gazprom ja wegen der Annäherung der Ukraine an Europa aus politischen Gründen zurückziehen will.

Könnte nun also das Land am südöstlichen Rand Europas eine Drehscheibe für Erdgas werden? Eine Drehscheibe liegt ja normalerweise aus ökonomischen Gründen inmitten eines Verteilungsgebietes und nicht an seinem äußersten Rand. Neben der neu geplanten Türkei-Pipeline, die dann nach Griechenland verlängert werden sollte, müssten dann weitere tausende Kilometer Pipelines zur Verteilung nach Europa verlegt werden. Wie diese milliardenschweren Investitionen zu billigem Erdgas führen sollen, bleibt das Rätsel von Putin und Tsipras. Schon alleine wegen des tausende Kilometer höheren Transport- und somit Energieaufwandes würde das Erdgas teurer und übrigens auch immer klimaschädlicher.

 

Ob das Erdgas dann für Griechenland wirklich billig wird, wird von seiner russlandfreundlichen Politik abhängen. Auch die Ukraine hatte noch billiges Erdgas erhalten, als Dank an den ehemaligen Präsidenten Janukowitsch, der ja eine Annäherung an Russland statt an die EU betrieb. Mit dem Maidan-Aufstand und dem Wechsel zum jetzigen EU-freundlichen Präsidenten Poroschenko zog Gazprom die Preisschraube beim Erdgas stark an und will jetzt offensichtlich sogar den Transit durch die Ukraine ganz stoppen.

Es ist schon eigenartig, wie sich da die CSU verhält. Sie will ja mit vier neuen Erdgaskraftwerken den Atomausstieg in Bayern schaffen. Das dafür benötigte neue Erdgas gibt es aber nirgends, wenn gleichzeitig die Abhängigkeit von russischen Gaslieferungen verringert werden soll. Zwar warnt der CSU-Europaabgeordnete Ferber zu Recht Griechenland und auch Ungarn „für zunächst billiges Erdgas letztlich einen hohen politischen Preis zu zahlen“. Nur: von ähnlichen Warnungen an seinen CSU-Ministerpräsidenten wegen dessen Wünschen nach Erdgaskraftwerken ist bisher nichts bekannt geworden.

Dabei gilt für Bayern, Ungarn und vor allem für das sonnen- und windreiche Griechenland: Strom aus Erneuerbaren Energien gibt es heute billiger als aus Erdgaskraftwerken, selbst wenn sie billiges Erdgas bekommen. Zudem könnte Griechenland mit einer Offensive für Erneuerbare Energien auch den dringend benötigten wirtschaftlichen Aufschwung mit vielen neuen Arbeitsplätzen, vor allem für die vielen gut ausgebildeten jungen Arbeitslosen bekommen und das alles ganz ohne politische Verwerfungen.

Berlin, den 09. April 2015

Ihr Hans-Josef Fell