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Erdgas spaltet die westliche Welt, schafft neue Kriegsgefahren und zerstört das Weltklima

Der politisch unterstützte, weltweite Energiehunger des fossilen Wirtschaftssystems nach immer neuen Rohstoffen gefährdet den Weltfrieden schon seit Jahrzehnten. So ist seit langem klar, dass auch der Erdöl-Hunger der westlichen Welt die Kriege der letzten Jahrzehnte im Irak, in Syrien, im Sudan und anderen Erdölregionen mitverursacht hat. Nun bahnen sich verstärktneue unheilvolle und kriegerische Entwicklung und Machtkämpfe um einen weiteren fossilen Energieträger an: Erdgas.

Erstmals weiten sich Spannungen mitsamt kriegerischen Drohgebärden sogar innerhalb von NATO-Partnern aus, einem Militär- bzw. Verteidigungsbündnis, das ja bei weitem nicht dazu gedacht war, Konflikte oder gar Kriege um Rohstoffe unter den Partnern auszutragen. Die Konflikte innerhalb der NATO-Partner um die Erdgasbohrerkundungen um Zypern und die Erdgaspipeline Nordstream 2 eskalieren zusehends und gefährden den Frieden innerhalb der Bündnispartner und der EU.

Der Erdgas-Konflikt im östlichen Mittelmeer

Der türkische Präsident Erdogan, droht als NATO-Mitglied dem kleinen Inselstaat und EU-Mitglied Zypern und seinem NATO-Partner Griechenland. Vor allem durch nicht gestattete Erdgaserkundungsfahrten in und dem erhobenen Anspruch auf Teile der ausschließlichen maritimen Wirtschaftszone der Republik Zypern und Griechenlands, setzt sich die Türkei über Völkerrecht hinweg und dringt ohne Zustimmung in fremde Hoheitsgewässer ein. Die Spannungen haben sich inzwischen so hochgeschaukelt, dass auch Frankreich zwei Kampfflugzeuge und zwei Kriegsschiffe in die Region schickte. Bereits im Juli kollidierten zwei Kriegsschiffe der Türkei und Griechenlands.

Die um Zypern vermuteten Erdgasvorräte würden bei einer Förderung und dem Verkauf insbesondere wegen der hohen Methanemissionen das Weltklima weiter massiv anheizen. Ahnlich wie Zypern und Griechenland erhofft sich Erdogan aber hohe Einkommen durch die Erdgasförderung und den Verkauf des Erdgases vor allem mit Blick auf den großen Gasmarkt der EU. Genau dieses Bild befördert die EU selbst, indem sie mit der diesjährig beschlossene PCI-Liste (Projects of Common Interest) neue Erdgasprojekte mit bis zu 29 Milliarden Euro subventionieren will.

Damit fördert die EU massiv die Begehrlichkeiten vieler Staaten, die ein möglichst großes Stück des zukünftig scheinbar riesigen Kuchens des Erdgasgeschäftes abhaben wollen. Mit Klimaschutz und einer Welt, die bis 2030 Nullemissionen erreichen muss, hat das alles nichts zu tun.

Die EU und die deutsche Regierung (v.a. weil sie derzeit die Ratspräsidentschaft innehat) arbeiten also in zwei existenziellen Richtungen gegen das Gemeinwohl: sie befördern den Klimawandel indem sie die Erdgasinfrastruktur und -nutzung massiv ausbauen und gleichzeitig gefährden sie den Frieden, weil sie hochgefährlichem kriegerischem Säbelrasseln einen Nährboden liefern. Würde die EU den aus Gründen des Klimaschutzes absolut notwendigen Beschluss fassen, bis 2030 nur noch 100% Erneuerbare Energien nutzen zu wollen, würde Erdogan keinen nennenswerten Absatzmarkt für seine Erdgaswünsche in den griechisch-zypriotischen Gewässern mehr sehen und die kriegerischen Spannungen hätten ein schnelles Ende.

Der Konflikt um Nordstream II

Gleiches gilt auch für die immer weiter eskalierenden Spannungen zwischen einigen europäischen NATO-Partnern und den USA um die Erdgaspipeline Nordstream 2. Hier agiert die EU nicht geschlossen, denn im Gegensatz zu den Westeuropäern (allen voran Deutschland), sind auch die NATO-Partner in Osteuropa gegen den Ausbau der Pipeline, womit die Machtkämpfe um Erdgas nicht nur die NATO, sondern auch die EU selbst spalten. In einer seltenen Einigkeit drohen US-Demokraten und US-Republikaner den Betreiber- und Baufirmen der neuen Erdgaspipeline zwischen Russland und Deutschland mit harten wirtschaftlichen Sanktionen. Und die USA haben vollkommen Recht mit dem zentralen Argument, dass die EU seine Energieabhängigkeit von Russland mit dieser Pipeline nicht noch weiter steigern darf.

Darüber hinaus vertritt die Trump-Regierung mit Ihrem Vorgehen gegen Nordstream 2 auch wirtschaftliche Eigeninteressen, denn sie will die EU mit ihrem (höchst klimaschädlichen) Frackinggas versorgen und damit das russische Erdgas ersetzen. Nun könnte die EU natürlich diese Problemlage umschiffen, in dem sie beiden Projekten eine Absage erteilt. Doch stattdessen unterstützen EU und die deutsche Regierung beide Projekte und schaffen damit Erdgasimportkapazitäten, die den aktuellen Bedarf überschreiten und eben höchst klimaschädlich sind.

Auch hier gilt, dass die EU mit dem aus Klimaschutzgründen zwingend erforderlichen Ziel von 100 % Erneuerbare Energien weder eine neue Erdgaspipeline nach Russland noch LNG-Terminals für US-Frackinggas benötigen würde. Darüber hinaus wären die EU und Deutschland dadurch besser in der Lage sich als (geopolitisch) unabhängiger Akteur positionieren.

Doch die EU selbst befördert also mit ihrem klimaschädlichen Vorgehen auch noch die Spannungen innerhalb der NATO und der EU. Erdgas ist also nicht nur eine Katastrophe für den Klimawandel, sondern spaltet zudem auch zunehmend NATO & EU und trägt damit erheblich zur Destabilisierung des Friedens in Europa und der Welt bei.

Hammelburg, 18. August 2020

Ihr Hans-Josef Fell