Sehr geehrte Leserinnen und Leser!

Energie schlagartig wieder im weltpolitischen Mittelpunkt: Ukraine und Türkei

Eine Zeit lang schien es ruhig um die machtpolitischen Fragen der konventionellen Energien. Die EU hatte zwischen Ukraine und Russland einen Gasvertrag vermittelt, der bis März nächsten Jahres eine sichere Gasversorgung der Ukraine zu ermöglichen schien.

Mit der heutigen Ankündigung des Gaslieferstopps durch Gazprom ist erneut schlagartig bewusst geworden, dass die Abhängigkeit, wie sie fossile und atomare Energielieferungen automatisch nach sich ziehen, auch machtpolitische Handlungsfelder öffnen, die eben auch vielfach genutzt werden.

Aktueller Auslöser war die Sprengung von Stromleitungen, die die Krim in einen Stromausfall stürzte. Es zeigte sich, dass die Krim eben viel zu wenige Wind-, Solar- und Bioenergieanlagen hat, um die heimische Stromversorgung sicherzustellen und so unabhängig von solchen Zerstörungen zu sein.

Nun hat Gazprom offensichtlich als Reaktion darauf den Stopp der Gaslieferungen in die Ukraine angekündigt. Erstaunlicherweise hat die ukrainische Regierung darauf gelassen reagiert und angekündigt, ihre Gasversorgung anderweitig sicher zu stellen. Wie aber im tiefen Winter die EU an die Ukraine Gas liefern soll, ist das Rätsel der ukrainischen Regierung. Jedenfalls waren bei den letzten Abschaltungen in ganz Südosteuropa erhebliche Gasausfälle im tiefen Winter die Folge. Schon beeilt sich die EU Kommission zu beschwichtigen, dass keine Gefahr für die EU Gasversorgung bestehe. Doch dies ist blanke Rhetorik, die nichts nützen wird, wenn Gazprom die Gaslieferungen im tiefen Winter tatsächlich über Monate hinweg einstellen wird.

Erneut zeigen sich die Fehler einer Energiepolitik, die in Europa und der Ukraine eher auf das Ausbremsen der heimischen Erneuerbaren Energien setzt, statt sich mit einem beschleunigten Ausbau unabhängiger von russischen Energielieferungen zu machen.

Auch im türkisch-russischen Konflikt nach dem Abschuss des russischen Militärflugzeuges scheint sich Energie als machtpolitisches Mittel anzubahnen. Es wird bereits spekuliert, dass Russland die Finanzierung und Lieferung der neuen Atomkraftwerke in die Türkei, ebenso wie die Pläne zum Neubau von Gaspipelines einstellen könnte. Die Türkei wäre gut beraten, diesen Schritt selbst sofort aktiv zu vollziehen und stattdessen endlich auf eine schnelle Ausbaustrategie mit Erneuerbaren Energien zu setzen. Dies käme sowieso billiger als die Atom- und Gasinvestitionen.

In meiner Rede vor kurzem in Istanbul auf der Jahrestagung der türkischen Elektroingenieure hatte ich viel Zustimmung für meine diesbezüglichen Vorschläge geerntet. Ich werde versuchen diese Vorschläge nun auch der türkischen Regierung näher zu bringen.

 

Hammelburg, den 25. November 2015

Ihr Hans-Josef Fell
Präsident der Energy Watch Group (EWG) und Autor des EEG