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Schweizer Atomaufsicht will AKW-Betreibern erlauben, Europas Bevölkerung 100fach höher radioaktiv zu bestrahlen

Für den Laien sagen die Grenzwerte für radioaktive Bestrahlung meist nichts aus. Daher wird die ungeheuerliche Brisanz der beabsichtigten Grenzwerterhöhung der Schweizer Atomaufsicht in der Öffentlichkeit kaum wahrgenommen, obwohl sie, wenn sie in Kraft tritt, erhebliche gesundheitliche Auswirkungen auf Millionen von Menschen nicht nur in der Schweiz haben wird.

So berichtet Oekonews aus Österreich:

Seit 2015 steht die Schweizerische Energie-Stiftung SES u.a. in einem Gerichtsverfahren gegen die Schweizer Atomaufsicht ENSI und Axpo, die Betreiberin des Atomkraftwerkes Beznau. Der Vorwurf: ENSI wende die Sicherheitsbestimmungen bei Erdbeben im AKW Beznau falsch an.

Um die bisherige und vor Gericht beanstandete Praxis der ENSI im Nachhinein zu rechtfertigen, will der Schweizer Bundesrat den Anwendungsbereich der sogenannten Außerbetriebnahme-Kriterien drastisch einschränken und die zulässige radioaktive Dosis bei häufigen und seltenen Störfällen um den Faktor 100 erhöhen. Damit soll die Beznau-Betreiberin Axpo und die Atomaufsicht ENSI vor einer möglichen Niederlage vor Gericht geschützt werden.

In den komplizierten Strahlenschutz-Regelwerken geht es im Kern darum, dass bei einem Störfall im Atomkraftwerk der Grenzwert für eine vorläufige Außerbetriebnahme des KKW von aktuell 1 mSv auf 100 mSv erhöht werden soll. Das bedeutet, dass die Schweizer Grenzwerte im Störfall eine Bestrahlung der Bevölkerung mit bis zu 100 mSv zulassen dürfen, ohne dass das havarierte AKW abgeschaltet werden muss.

Laut Aussagen von Dr. André Herrmann, ehemaliger Präsident der eidgenössischen Kommission für Strahlenschutz (2005-2012), müssen dann im Umkreis von 20 Kilometern etwa 1000 bis 2000 Menschen mit erheblichen Gesundheitsschäden, wie Missbildungen bei Neugeborenen und Tod durch Strahlenkrebs, rechnen.

Der Betrieb der Atomkraftwerke soll also selbst im Störfall trotz erheblicher krankmachender Wirkung sichergestellt werden.

Gestern am 26. April war der 32. Jahrestag der Nuklearkatastrophe von Tschernobyl. Es ist nicht zu verantworten, dass auch in der Schweiz mit diesen schrecklichen Erfahrungen aus Tschernobyl die Gefahren der Radioaktivität weiter verharmlost werden.

Damit ist eine erhebliche Gefahrenzunahme auch für die deutsche Bevölkerung verbunden, denn alle Schweizer AKW stehen nahe der deutschen Grenze. Doch von der Bundesregierung in Berlin gibt es bisher keine Reaktion, obwohl doch alle Minister geschworen haben, Gefahren von der deutschen Bevölkerung abzuwehren. Gut, dass wenigstens die Regierung Baden- Württembergs bereits Protest durch den grünen Umweltminister Untersteller vorgebracht hat.

Das Schweigen der Bundesregierung kann vielleicht damit erklärt werden, dass Wirtschaftsminister Altmaier selbst an der nächsten Laufzeitverlängerung für Atomkraftwerke in Deutschland arbeitet.

Dass radioaktive Verstrahlung keine zu verharmlosende Kleinigkeit ist, haben Millionen von Menschen am eigenen Leib in schlimmster Art erfahren müssen. Als Beispiel empfehle ich dringend die Lektüre des jüngsten Interviews von EURACTIV mit dem berühmten Maler und Atomwaffengegner Karipbek Kujukow aus Kasachstan.

In unglaublich eindringlicher und berührender Art beschreibt er die Auswirkungen der radioaktiven Verseuchung in seiner Heimat in der Nähe des ehemaligen russischen Atomwaffentestgeländes Semi Palatinsk.  Kujukow wurde –  wie außergewöhnlich viele seiner Zeitgenossen in dieser Region – mit Missbildungen, ohne Arme, geboren. Seine Eltern überlegten, ihn ob seiner Missbildung als Säugling gleich zu töten, wie es vielen seiner Leidensgenossen erging. Als Künstler, malend mit dem Mund hat er es dennoch geschafft, ein erfülltes Leben zu erreichen. Heute setzt er sich vehement für die Abschaffung der Atomwaffen und der radioaktiven Verseuchungen ein.

Die deutsche Bundesregierung und die Schweizer Atomaufsicht sollten sich Kujukow anhören, bevor sie Laufzeitverlängerungen und unverantwortliche Erhöhungen von Radioaktivitätsgrenzwerten beschließen. Sie sollten alle gemeinsam stattdessen endlich den europaweiten Atomausstieg befördern.

 

Berlin, den 27. April 2018

Ihr Hans-Josef Fell